Beziehungsweise. Oder: Luise und das große Geheimnis

Beziehungsweise. Oder: Luise und das große Geheimnis

Farbenspiel im Herbst
Quelle: privat

Teil I

Kapitel 1: Szenen einer Begegnung

Es trug sich an einem Spätwintertag zu Beginn des zweiten Monats im Jahre zu. Eiszapfen verzierten die blecherne, rostige Dachrinne der einschichtig und uneinsichtig gelegenen Hütte im Wald. Kalt war es geworden. Eine junge Frau lehnte am alten Dauerbrandherd, aus dem es auch herausrauchte. Die Wetterlage war schon seit Tagen sehr drückend. Bedrückend auch das Bild, das sich in dieser Hütte bot. Der zunächst spärliche, weißgraue Rauch in einzelnen, arhythmischen Schwaden verwandelte sich plötzlich immer schneller in ein Qualmen.

Blau-grauer Nebel erfüllte den Raum. Da vernahm Luise, kaum mehr als ein Schatten ihrer selbst, ein leises, langsames, aber stetiges und bestimmtes Klopfen an der rot-braunen, rissigen alten Holztüre, die noch aus dem 19. Jahrhundert stammen mochte.
Ein perplex-reflexartiger Schauer der Entgeisterung erfaßte zunächst ihr Gesicht, in der Folge ihren Nacken. Da setzte sich die gußeiserne Türklinke in Bewegung und das in den Angeln fest verankerte Türblatt begann zu knarren: Doch anstelle eines menschlichen betrat ein eigenwillig aussehendes Wesen den Raum.

Luise, so mochte sich die einst elegant und fröhlich gewesene grazile Frau Ende dreißig nennen, begann aus lauter Nervosität zunächst damit, ihre rotblonden, naturwelligen Haare zu raufen, ehe sie dann unvermittelt Ordnung in das eben von ihr an sich selbst angerichtete Chaos brachte.
Emsig fixierte sie einen kupferfarbenen, ins Grün oxidierenden Kandelaber am hölzernen Jogl-Tisch, der ihre Stube zur Westwand der Hütte hin begrenzte. Währenddessen begann sie eilig damit, sich aus ihrem zerrauften Kopf-"Schmuck" zwei ungleich lange Zöpfe zu flechten. Luise wurde mit den nächsten Minuten immer entrückter. Ihre Wangen erröteten. In Erinnerungsfetzen tauchte vor ihrem geistigen Auge jene Zeit auf, als sie - im selben Monat vor einigen Jahren - bei wolkenlosem, blauem Himmel in der strahlenden Mittagssonne in blühender Liebe geschwelgt hatte. Doch die war wohl derzeit eher erkaltet.

Abermals durchzuckte es sie. Diesmal war es die unaufgearbeitete Erinnerung, die sich unerbittlich, scheinbar unausweichlich und - vor allem - ungefiltert ihr, diesem zur Zeit körperlich filigranen und exponentiell empfindsameren Geschöpf, Luise, aufdrängen wollte.

Zitternd versuchte sie sich dem Wesen, welches zwischen Türe und Angel stand, zu nähern. Da bemerkte sie, daß sich jemand einen "Scherz" erlaubt hatte und offenkundig über den Zustand ihres momentan sehr dünnen Nervenkostüms Bescheid wußte. Fast schon mottenzerfressen haftete es nur noch lose an und vage in ihr.

Sie traute ihren Augen kaum. Ein wundersames Tier, welches wie eingefroren auf seinen Hinterpfoten stand, sich also erheben wollte, formte weniger durch seine aufrechte Haltung eine Barriere zwischen ihr und dem Draußen. Vielmehr waren es seine zeitlos wachen, ewig beobachtenden Augen, die einen insistierenden Blick formten, dem sie sich - so rasch es nur ging - entziehen wollte. Und zwar am liebsten sofort. Denn sie bekam es mit der Angst zu tun.

Doch sie wußte, sie mußte sich dieser Vodoo-Puppe stellen. Und zwar gleich. "Was soll ich bloß mit diesem gehörnten Bettvorleger tun?", krächzte sie, während sie aufgeregt und außer Atem nach Luft schnappte. "Wer bringt mir denn so etwas Gräßliches vorbei?! Und, außerdem, was bringt das bitte demjenigen, mir so große Angst einzujagen??!!"
Als sie näher trat, bemerkte sie, daß sich unter einer Schicht zusammengenähter Fellstücke eine Form aus Pappmache befand, die dem Getier seine kugelartige Grundform gab.

Sowie sie den leblosen Körper nun zu entblättern begann, stellte sie mit großer Überraschung fest, daß die "innere Papierhaut" des kleinen Ungeheuers aus Pergamentfetzen gebildet war, die auf sie wie zerfetzte Seitenfragmente einer marginal illustrierten Inkunabel wirkten. Sie versuchte ratlos - und noch immer rastlos - im Zwielicht der Landschaft, das von draußen das Häuschen nur unzureichend und dürftig erhellte, zumindest einzelne Zeichen zu erkennen oder gar Silben zu entziffern. Sie merkte jedoch, daß sie eine Kerze zu Hilfe nehmen mußte, denn elektrisches Licht gab es hier nicht.

Luise wühlte sich im Halbdunkel durch zahlreiche Schubladen der alten Kredenz, deren Frontseite Holz schon seit einigen Jahrzehnten den Holzböcken zum Mahl gereichte. "Verflixt. Was mach' ich jetzt nur? Mag sein, daß sich am Heuboden in der Truhe noch meine Taufkerze findet? Da muß ich wohl nachsehen gehen. Denn mit diesen Bienenwachskerzen-Relikten komm' ich heut' Abend wohl nicht mehr weit", dachte sie - immer stiller werdend - ganz bei sich. Da fiel ihr ein, daß noch Feuer im Holzofen brannte. "Ich könnte natürlich..."

Instantan war das nun dunkel gewordene, düster-schemenhaft bloß-grad-noch-erkennbare Eck in der Stube in ein warmes - jedoch nicht wärmendes - Licht getaucht, das aber ausreichte, um durch seinen Schimmer, der in ihre Augen drang, innerhalb eines winzigen Sekundenbruchteils in ihr eine "Ahnung" von Hoffnung neu zu entfachen, die ihr schon ganz und gar verloren gewesen schien.

Es dürstete sie: nach Einsicht. Dem Ende ihrer Einsamkeit. Und einem Glas Rotwein. Sie sprang auf und ging schnellen Schrittes zur Tür der Hütte. Denn den Wein, den hatte sie im Felsenkeller gelagert, der vor einigen hundert Jahren nordwestlich hinter der Hütte in den Hang gebaut worden war. Wohltemperiert. Ihre erstarrte, resignierte Miene wandelte sich allmählich. in en zartes, fast selbstsicheres, zielgerichtetes Lächel, das auch ihre Erscheinung verwandelte. Denn sie war ja im Grunde eine innerlich wie äußerlich schöne Frau. Es hatte eines Stein des Anstoßes bedurft. In diesem Fall einer ungewöhnlichen, nicht-alltäglichen Begegnung.

Sie faßte allen Mut, so wenig sie körperlich davon auch zu spüren vermochte. Und sie barg ihr Amulett in der Finsternis ihrer linken Hand. Mit ihrer rechten öffnete sie zaghaft die Tür. Das Türblatt knarrte, nicht leichter beweglich als zu vor, aber auch nicht weniger fest in seinen Angeln ruhend. Kaum ward der Zugang zu ihrem Hause einen Spalt weit ins Freie geöffnet, vernahm sie von nicht allzu weit, wohl seitlich, oben in der Krone einer alten, laublosen Buche sitzend, einen Kauz, der sich zur abendlichen Jagd einsang.

Dann fiel ihr Blick auf den weiß glitzernden Boden, soweit sie seine Farbe im Zwielicht der Dämmerung und des Mondes überhaupt wahrzunehmen im Stande war. Denn: die Schneeschicht war äußerst dünn. Darunter eine das Schwarz des felsigen Untergrundes kaum kontrastierende - und dennoch - spiegelglatte, symbiotisch an ihm anhaftende Eisschicht. Beinahe verlor sie schon nach wenigen, vorsichtig gewählten Schritten das Gleichgewicht. Sie entschloß sich, umzukehren, und streckte sich - in der Türschwelle stehend - nach einer Messingschüssel, die Holzasche enthielt. "Vielleicht schaff' ich's damit. Ein guter Wein würd' meinen Aufwand verzeihn." Weshalb sie nun in Erwartung des purpurnen, bitter-holzig-nussig schmeckenden Getränks bereits etwas angeheitert zu werden schien, erschloß sich in dem Moment wohl nicht mal ihr selbst.

Während sie also fortlaufend heiterer wurde, gesellte sich zum Jagdruf des Wildvogels der obertonreiche Klang eines Windspiels, dessen längliche Glaszylinder förmlich in Dialog traten mit den zarten, eben noch im Entstehen befindlichen Eiszapfen, die im Zeitlupentempo - jedoch hörbar - an Substanz verloren. Tropfen für Tropfen. Auf den kalten Fels. Der auch das Fundament der alten Einsiedlerhütte bildete.

"So jetzt wird mein Weg wohl ein leichterer sein", schritt sie vorsichtig, fröhlich, aber auf der Hut, den eingeschneiten Pfad entlang zum Eingang in den Felsen. In ihrer einen Hand hatte sie noch die Schüssel, die nun blank geworden war. In der anderen eine halb-zerfallende Bienenwachskerze, die sie - wider Erwarten - in der Lade des alten Küchentisches gefunden hatte.

Je mehr sie sich vom Haus abwandte und dem Portal in den Fels näher kam, umso mehr fühlte sie, daß sie heute nicht bloß den Felsenkeller betrat. Nein: sie war gerade am Weg in eine Anderswelt. Die Kerze in ihrer Hand begann zu flackern. Diese schien auch ihre Farbe wechseln zu wollen. Schließlich erreichte sie nach wenigen Schritten, die sich für sie ewig angefühlt hatten, zumal sie ja auch ständig achtgeben mußte, ihren Weg nicht zu verlassen, die Kellertüre. Schwer ruhte diese am schwarzen Stein, mit ihrer Oberkante sprichwörtlich an den Fels gelehnt. Als sie versuchte, den Schlüssel im Schloß zu wenden, schien ihr, als verließe sie mit einem Mal alle Kraft. Ihre Hände begannen zu zittern, ihre Finger fast eingefroren, wie taub. Sie grub also - es blieb ihr nichts Anderes übrig - die Kerze bis knapp zur Hälfte in den schneebedeckten Boden ein, der an dieser Stelle wenig vereist war.

Sie umklammerte mit ihren bleich-weißen Händen den schlichten Schlüssel. Zunächst schien es so, als sei das Schloß ganz eingefroren. Millimeter um Millimeter arbeitete sie sich voran, als es ihr schließlich gelang, den Schlüssel zwei Umdrehungen nach links zu bewegen. Doch die Türe klemmte weiterhin. Diesmal lag es nicht mehr an einer versperrten Türe, sondern - wie sie feststellen mußte - daran, daß sich an der unteren Türangel eine dünne, jedoch feste Eisschicht gebildet hatte. Sie nahm also die Kerze zu Hilfe, um das Eis durch deren Flamme zum schmelzen zu bringen. Endlos schien ihr, dauerte es, bis das feste, flache Eis sich dazu entschied, in kleinen, flächigen Teilen den Spalt zwischen Türe und Rahmen freizugeben. Während sie also damit beschäftigt war, für die Flasche Wein, die sie ja eigentlich holen wollte, das Eis aufzutauen, schwand das Bienenwachs von Minute zu Minute immer weiter dahin. Ihre rechte Hand fühlte sie erneut fast nicht mehr, was sie dazu veranlaßte, die Kerze in Minutenabständen von einer Hand in die andere zu übergeben.

Als Luise vor Ungeduld - fast am Erstarren vor Kälte - an der metallenen Türklinke riß, vernahm sie ein zartes Geräusch. Das Eis, welches vor Sekunden noch unzerbrechlich und kalt zu bleiben schien, bekam in just diesem Moment Risse und die flache, schmale Eisplatte, die eben vorhin die Tür noch nicht freigeben wollte, fiel fast beinahe lautlos, mehr stumm denn klirrend in den patzigen, weißen Schnee. Die Türe hatte mit einem großen Ruck einen Spalt freigegeben. Breit genug, für Luise, um in ein absolutes Schwarz und in die tiefe Finsternis des unbeleuchteten Keller-Entrees zu blicken. Aber weiterhin noch zu schmal, um sich - vorsichtig - hineinzuwagen. Mit einer Kerze in der Hand.

~~~

Kapitel 2: Der hohle Stein

Da stand sie nun, im Dunkeln. Mulmig war ihr zumute. Ihre Hände tauten langsam auf, während sie mit der Kerze spärliches Licht in das alte Kellergewölbe brachte. Dieses war nur im vorderen Bereich mit Ziegeln ausgemauert. Nach wenigen Metern wich das Ziegelgewölbe der Wein- und Erdkellerröhre einem fast natürlich anmutendem Gangsystem, weit hinein in das Erdinnere. Atmosphärisch definitiv, denn sie betrat - und das wußte Luise - eine Parallelwelt. Während sie halb tastend, halb ausleuchtend, den schmalen Pfad entlangpirschte, zuckte sie mit einem Mal plötzlich zusammen, als eine durch den Kerzenschein wach gewordene Feldermaus ihr kreischend entgegenflatterte. Haarscharf flog sie an Luises Gesicht vorbei. Nach einigen langen Schrecksekunden, die sie zum Stehenbleiben zwangen, wählte sie an einer Gabelung den Weg, der sie an einem Holzverschlag unter einem Felsvorsprung vorbeiführte. Sie tastete die Unterkante des Vorsprunges ab und fand einen hohlen Stein. Den Stein, der in seiner Mulde den Schlüssel für die Türe des Holzverschlags enthielt. Normalerweise, denn: "Wie gibt's denn das? Kann das jetzt wahr sein? Außer mir hat doch niemand Zugang hier", murmelte Luise.

Die Ratlosigkeit schien ihr förmlich ins Gesicht geschrieben. Ihre grünbraunen Augen blieben weiterhin glanzlos, umrundet von dunklen Augenringen, die in dieser all-umfassenden Finsternis die Mischung aus Betrübtheit und Verzweiflung, wie auch Hoffnung und kindliche Neugierde weder zu unterstreichen noch zu verdecken vermochten. Als hätte sie eine spontane Eingebung von "oberhalb", von "außerhalb" erhalten, drehte sie sich mit einem Ruck um: hinter ihrem Rücken hatte sie einen Lichtschimmer wahrgenommen. Nach einer 180-Grad Wende erblickte sie nun eine rostige alte Lampe. Sie traute ihren Augen nicht, so sie eine Froschlampe sah, wie sie nur von Bergleuten in vergangenen Jahrhunderten verwendet worden war. Bei näherer Betrachtung stellte sie fest, daß der Quell dieser geisterhaften 'Erleuchtung' ein in Öl getränkter wachsummantelter Docht war. Diese Flamme schien weit größer als jene ihrer Bienenwachskerze, die bereits am Erlöschen war, waren bloß noch einige Millimeter des Bienenwachses vorhanden. Diese ihre Kerze war vom Feuer bereits im Inneren ausgehöhlt worden, zumal ja die Eisschmelze an der Kellertüre nicht nur Luise, sondern auch die Wachskerze Kraft gekostet hatte.

Grünbläulich projizierte die Öllampe ihre eigenen Konturen als flackernden Schattenwurf auf die steinerne Wand, die in Opposition zum Holzverschlag lag. Luise berührte den kalten Fels. Da schien ihr der Boden unter ihren Füßen plötzlich glatt und rutschig. Ohne lange zu zögern griff sie intuitiv nach der Öllampe. Kaum hatte sie diese in ihre Hand genommen, wirkte es als würde deren Flamme ein dezent - aber doch merkbar - helleres und weitreichenderes Licht versprühen. Sie wollte weitergehen, blieb aber sofort stehen: Sie hatte den Schlüssel entdeckt, der zuvor in der Mulde des hohlen Steines nicht zu finden gewesen war. Rostig-fahl, kaum noch silbrig-schimmernd, lag der fehlende Teil des wohl 70 Jahre alten Vorhängeschlosses am Boden, einer Mischung aus Lehm, Erde und Stein.
Unschlüssig erhob sie, zweifelnd, ihr bleiches Haupt. Sie näherte sich der Tür, die offensichtlich aus dem Schloß (oder den Angeln) gesprungen war. Vor ihr erneut: ein schwarzes Loch. Ein lichtleerer Stolleneingang, noch weit dünkler als kohlrabenschwarz.

Die Öllampe mit ihrer schwachen Flamme schien sich aufgrund des neuen Pfades von der Sauerstoffzufuhr her zu erholen. Und zwar so gut, daß Luise vermeinte in dem Dunkel, das mehr an Dunkelheit anzuziehen schien, eine purpur-schimmernde Wegmarkierung knapp vor und oberhalb ihres Kopfes zu erkennen. Kaum war sie über die Schwelle getreten, fiel es auch ihr selbst wieder viel leichter, zu atmen und es schien - mit einem Mal - sämtliche irdische Last von ihr abzufallen.

Unvermittelt erreichte sie ein zarter Hauch, der sich zu einem hörbaren Luftzug entwickelte. Graduell schien diesem halb-unterirdischen Wind ein Timbre eingehaucht zu werden, das in den nächsten Minuten, welche Luise wohl wie eine zu einer Stunde gedehnte Ewigkeit vorkamen, zwar nicht lauter, jedoch durchdringender wurde. Es begann mit "WAS". Zu dem "WAS", sich selbst wiederholend - vornehmlich durch das Höhle innewohnende Echo, gesellte sich sogleich ein "WILLST". Das "DU" und das "HIER" verspürte Luise eher, als sie es ahnte, denn der Boden unter ihren Füßen kam langsam, aber sicher in Bewegung. Nur: Wohin sollte oder würde sie das nun führen...?

Sie hatte so viele ungestellte - noch mehr denn unbeantwortete - Fragen in sich, die wohl mehr Buchseiten einnehmen würden, als ihr bisheriges und künftiges Leben ungewisse Tage haben sollte. Während sie sich in ihr Inneres zurückzog, verlor sie nun endgültig den Halt unter ihren Füßen. Unter ihr - sie sah es nicht, spürte es dafür umso mehr - war kein Boden mehr vorhanden. Sie schwebte in der Finsternis über einem schwarzen Loch. Seltsam jedoch war, daß sie nicht hineinstürzte; im Gegenteil. Der Boden und die Felswände ringsum sie bebten weiter, wie sie dann in der Folge zerbröselten. Doch auf diesem schwarzen Etwas hatte Luise, die Öllampe wieder in Händen haltend, einen durchwegs festen Stand.

Während sich ihr Bewußtsein offensichtlich für einen kurzen Moment ausklinkte, dann jedoch sofort wiederkam, realisierte sie: "Es gibt keine Grenzen. Ich bin mit allem eins." Ringsum war zwar nichts zu sehen, das akustische Echo der Höhle erklang jedoch unverändert. Während sie statt ausuferndem Schwarz im kompletten Dunkel violette Ätherwellen sah, bei denen sie wußte, daß sie zwar nicht physisch greifbar vorhanden waren jedoch wirklich existierten und in eben diesem Moment unwillkürlich ihr den Raum "ausleuchteten" und somit den Horizont und ihren Wirkungskreis erweitern würden... bekam sie zu aller erst - verständlicher Weise - das Gefühl einer archaischen Urangst.

Sie - die frequenzmäßig in menschlich visuell wahrnehmbare Spektrum transformierten Ätherwellen - würden sich ab jetzt nun auf all ihren Wegen als ratgebende Begleiter zeigen. Einzig Geduld, Muße und Güte seien die Voraussetzung für diese Wirkmächtigkeit aus (und in) dieser nicht-alltäglichen Wirklichkeit, einer "Anderswelt". Dies erfuhr Luise jedoch nicht an Ort und Stelle. Dafür würde sie sich die folgenden Tage und Monate auf Spurensuche begeben müssen. Und wollen.

~~~

Kapitel 3: Der nächste Morgen

Als Luise mit Bauchschmerzen am nächsten Tag erwachte, stand die Sonne schon hoch. Außen, vor ihrem Küchenfenster meinte sie einen krächzenden Raben auszunehmen, aber während der Nacht war es derart abgekühlt, daß es ihr schien, ihr Innerstes mußte erst eine Eisschichte unter der Oberhaut durchdringen, bevor ihr ganzer Körper sich überhaupt bewegen konnte, ihre Augen glasig, sie fieberte, während es sie fröstelte. Ihr Ofen war komplett ausgekühlt.

Es mochte zuvor wohl zwei Stunden nach Mitternacht gewesen sein, da war sie plötzlich vom Höhleninneren freigegeben worden. Sie war eingeschlafen gewesen. Als sie nun erwachte, konnte sie vor ihren Augen einen schwachen Schimmer des Sternenhimmel-Firmaments wahrnehmen, das einen schmalen Pfad bis zum Eingang des Erdkellers erhellte, kaum 15 Meter vor ihr liegend. Schlaftrunken und mit schmerzenden Gelenken war sie zu ihrem Haus gelangt; humpelnd hatte sie noch ihr kleines Schlafgemach erreicht. Sie hatte sich noch in ihre dicke Daunendecke kuscheln können. Vor allem die letzten wenigen Minuten vom Einschlafen vor dem Morgengrauen waren es gewesen, die sich offensichtlich auch während ihres Schlafes an Luises Energiehaushalt zu schaffen gemacht hatten. Ihr schien es, als bestünde eines der Rätsel der nächsten Zeit darin, ...

Während Luise also fiebernd und regungslos im Bette lag, machte sich der Rabe vor dem Fenster bemerkbar. Unablässig begann er nun schon fast an die Scheibe zu tommeln, hörbar wie er war, konnte ihn Luise doch visuell nur erahnen, nachdem die Fensterglasscheiben im Lauf der Jahre nicht nur matt sondern auch angelaufen waren, denn der Temperaturunterschied zwischen draußen und drinnen, zwischen der vermeintlichen "Sicherheit" der Stube und dem hellen, aber ungewiß gewordenen Außen. Ja, der machte ihr zu schaffen. Nicht bloß körperlich, sondern auch gedanklich.
"Weit zieh meine Kreise ich -" begann plötzlich eine Stimme in Luises Kopf monoton und unisono mit ihren Gedanken zu singen. Der Ton blieb gleich, wenn auch seine Oktavlage von tief auf hoch auf mittel wechselte. "Schweigest Du, dann singe ich" folg
te auf dem Fuße, nein, mit dem nächsten Schweißausbruch, denn Luise lag noch immer auf ihrem Bett. Regungslos und wie von unsichtbarer Hand gefesselt.
"Du großer Geist, was bedeutet das?! Was soll und will das alles mit mir?! Was ... kann ... ich ... daf ---" schnarch. Und schon war Luise in einen langen, aber erquickenden Schlaf gefallen, der - wie sie im Nachhinein feststellen würde - wohl mindestens drei Tage währen sollte.

Sie erwachte wieder. Diesmal stand aber nicht die Mittagssonne am Himmel, sondern es war ganz offensichtlich kurz vor Sonnenaufgang, als sie beschloß - nun entspannt und ausgeruht und - interessanter Weise - auch frohen Mutes, nicht nur das Bett sondern auch das Haus zu verlassen. Und sich auf den Weg zu machen.

Doch: Nach welchen Zeichen sollte sie suchen? Welchen Fährten möge sie folgen? Da stand sie nun, nicht splitternackt, zwar leicht bekleidet. Das aber auch seelisch. Eine Weile stützte sie sich seitlich noch am hölzernen Türportal ihres Hauses ab. Danach beschloß sie, vor dem Losgehen noch eine große Kanne grünen Tee zuzubereiten. Der Dauerbrandherd begnügte sich heute mit einer kleinen Menge trockenen Anzündholzes - um sogleich die größeren Holzscheite in seinem Inneren mit feuriger Glut freudig, ja fast tänzerisch, zu umspielen. Als der Teekessel akustisch wie dampfend signalisierte, er sei fertig, hatte auch Luise bereits ein wenig Proviant zusammengesucht (ein paar Walnußkerne und getrocknetes Dörrobst) und füllte den Tee in eine Thermoskanne, die sie mitsamt dem Essen, einer Taschenlampe, einem Bleistift, etwas Papier, einer Landkarte und einem Taschenmesser in ihrem ledernen Wanderrucksack verschwinden ließ.
Ein Weilchen nippte sie also noch an ihrem Tee, den sie sich auf einen Holztisch neben ihrer Eingangstüre in der lauen Morgensonne gönnte. "Ich denke, ich habe alles", dachte sie zögerlich-bestimmt. Sah nochmal nach dem Ofen, der bereits am Ausgehen war, verschloß den Hauszugang. Und machte sich auf den Weg.

"Wo soll ich jetzt nun starten", fragte sie sich. Als sie auf einem Stein linkerhand einen Feuersalamander zu sehen meinte - er schien in Sekundenbruchteilen drübergehuscht zu sein - war ihr klar: es ging nordostwärts. Sie hatte also den schmalen, durchwegs zugewachsenen und um diese Tageszeit noch finsteren Weg ausgewählt. Es mochten etwa 10, 15 Minuten vergangen sein, da wurde sie plötzlich von zwei Schmetterlingen umkreist. Einem Nachtfalter, dessen Muster sie an einen Totenkopf erinnerte und einem sehr hellen - und weit kleinerem - Zitronenfalter.
Die zwei geflügelten Weggefährten wichen nicht so schnell von ihrer Seite. Der Weg machte bei einem großen, moosbewachsenen Gneis eine abrupte Linkskurve, und es ging - noch schmäler nun - neben einem abschüssigen Hang hinunter zu einem Rinnsal, das aber, je weiter sie schräg auf der Seite an ihm vorbeiwanderte, zu einem reißenden Gebirgsbächlein wurde. Eine unerwartete Metamorphose machte auch die Landschaft. Die moosbewachsenen großen, dunklen Felspartien wurden seltener. Stattdessen - der Pfad nun eine zeitlang gerade - wurde kristallines Gestein zu ihrem Wegweiser. Im Sonnenlicht, das sich durch die hohen Buchenbaumkronen seinen Weg bahnte, erstrahlten olivgrüne, mineralische Adern, so, als flösse grünes Blut mitten durch den Stein, der - durch seinen speziellen Faltenwurf und seine Vertiefungen - menschliche Züge zu zeigen schien, so gar nicht versteinert. Sondern - erschreckend - lebendig. Wobei zunächst ein positiver Überraschungseffekt überwog. Denn das erste Gesicht, das Luise mit Sicherheit erblickte, lachte.

"Muße, Geduld und ??" Was war das dritte Element, das mich erwartet, fragte sich Luise. Während sie so fragte, wurde sie von einem Eichkätzchen erspäht. Das vor ihre Füße hüpfte. Und so gar nicht schüchtern oder scheu wirkte. "Was hast Du denn da?" wollte Luise von dem kleinen pelzigen Waldbewohner wissen. Um ein Ohr herum schien es nämlich eine papierne Manschette zu tragen. "Laß mal sehen. Was ist denn das?!" Fast wäre Luise das Eichhörnchen entwischt, hielt sie die "Manschette", Teil einer "Karte" in Händen. Zunächst war sie sehr verwundert. Weder die gezeichneten Wege, noch die auf der Karte eingetragenen Symbole konnte sie deuten. Außerdem schien die Karte unvollständig. Mindestens ein Drittel, schien ihr, würde fehlen. "Es wäre mal wichtig, irgendwelche Anhaltspunkte ausmachen zu können. Denn sonst gehe ich einfach im Irgendwo nach nirgendwo. Während sie das sagte und darüber nachdachte, hatte sich die Sonne durch eine große, graublaue Regenwolke sehr verdunkelt. "Was mach ich nun", dachte sie zögernd. Soll ich doch besser umdrehen und nach Hause gehen? Ein Blick auf ihre silberne Taschenuhr half ihr nicht weiter. Denn ihre Uhr war um fünf nach zwei am Nachmittag stehen geblieben, und sie war seitdem sicherlich etliche hundert Meter, sicher einige Kilometer weitergewandert. Nun mußte sie sich also - wohl oder übel - nach einem Unterstand vor dem drohenden Regen umsehen. Und sie wurde fündig.

Ein Wolkenbruch setzte ein. Ehe sie sich's versah, war sie von Kopf bis Fuß durchnäßt; doch sie erreichte schließlich einen Unterschlupf. Eine verlassenes Kreuzweg-Marterl schien auf sie gewartet zu haben. Die darin befindliche hölzerne Figur war offensichtlich keine Marien-, sondern eine Barbara-Figur. Ihr Lindenholz war im Lauf der Jahre brüchig geworden. Vor Kälte erschaudernd zwängte sich Luise neben die Figur in einen regenfreien Winkel. Sie ergriff die Kerze, deren Flamme offensichtlich bereits vor geraumer Zeit angezündet worden war, um sich wenigstens ein bißchen zu wärmen. Als sie hinter die Figur blickte, vermochte sie einen geheimen Mechanismus zu entdecken. Es wirkte so, als ließe sich die menschengroße Figur öffnen. Sie versuchte sich also mit ihren grazilen Händen und ihren langen Fingernägeln an der Figur. Zunächst klemmte sie noch, dann gab die Hl. Barbara ihr innewohnendes Geheimnis preis. Es war ein überdimensionaler, ausklappbarer, dreiflammiger Kandelaber.

"Das Teil sieht aber sehr spacy aus", entfuhr ihr - sie war sehr überrascht. Schließlich entdeckte sie unter einer Decke, die über den Steinsockel ausgebreitet war, in einer Mulde drei große, aneinandergereihte Kerzen. "Na wui, vielleicht geben die ja genug Wärme, daß mein nasses Gewand in den nächsten Stunden trocknet.“ Gesagt, getan. Sie hob die Kerzen vom Sockel herunter, überhob sich dabei fast, es schien für Wachs eine sehr seltene und schwere Varietät zu sein. Bienenwachs vom Feinsten?

Etwas später hatte sie es schließlich geschafft, Kerze für Kerze auf das angerostete, smaragdgrün schimmernde Gestell zu hieven (mit Hilfe der Gebetsbank und der gemauerten Wand konnte sie letztlich mit Mühe eine "Einrast-Richtung" vorgeben). Schließlich gelang es ihr auch, mit dem bereits brennenden Kerzerl die drei großen Exemplare, die in den Farben "Rot", "Blau" und "Gelb" gehalten waren, anzuzünden.

Kaum ward die blaue Kerze entzündet, zeigte sich eine Stichflamme, die an ihrer Spitze leicht kräuseligen weißen Rauch ganz fokussiert entließ. Dieser in spiraligen Schwaden in den Äther übergehende Rauch zeichnete ein Bild an die Kapellenwand. Schien es zunächst eher wie eine Fata Morgana ähnlich der sichtbar werdenden Hitze, welche an heißen Sommertagen von heißen Asphaltstraßen aufsteigt, so zeigte sich nun - sprichwörtlich wie von Geisterhand mittels einer virtuellen laterna magica projiziert - tatsächlich ein halb-scharfes, aber erkennbares Bild. Sie sah: die Konturen eines Herzens, in dessen Mitte ein Schloß abgebildet war. "Metapher", entfuhr ihr. Eine Metapher. Die Frage nach dem "Wofür" mußte sie sich erst gar nicht stellen, denn sie sah nicht nur, sondern spürte mit einer viel stärkeren Intensität, worum es nun ging, gleich der existentiellen Frage des Menschseins schlechthin, aber in diesem Fall wohl ganz auf sie selbst bezogen, Luise ganz persönlich. Es lag nun an ihr, sich auf die Suche nach dem "Schlüssel des Herzens" zu machen.

Als Luise versuchte, ihren Betrachtungsplatz und Beobachtungswinkel zu ändern, in der Hoffnung, die anderen beiden Kerzen - rot und gelb - würde ebenso die ihnen erhofft innewohnenden Geheimnisse enthüllen, wurde sie enttäuscht. Es war zwar an der Wand eine jeweils erkennbare Einrahmung durch die Differenz zwischen dem Dunkel des Raumes und dem Hell des Kerzenscheins erkennbar, jedoch wartete sie vergeblich mehrere Minuten. Als sie nochmals ihren Blick auf den zur steinernen Wand ausstrahlenden Kerze richtete, war das Herz zwar weiterhin sichtbar, schien doch von niederfrequenten, horizontalen Ätherwellen in seiner örtlich-situativen Präsenz schwächer zu werden, ehe nurmehr die Konturen des Herzens sichtbar waren, ganz so, als wären sie aus dünnen, leicht vergoldeten Zweigen gewoben. Doch weder Materialart noch Farbe schienen eindeutig bestimmbar.

Das sich an der Wand ansammelnde Licht wurde schwächer - während indes die drei Kerzen, allen vor an die blaue, nun spürbar den Raum erwärmten. Luise entdeckte nun, was ihr im zunächst ja dämmrigen Marterl entgangen war: Ein großes Holzbrett, welches als Türe dieser kleinen Waldandacht gedacht und auch verwendbar war, hatte es doch eiserne Angeln, mit denen es sich, und Luise geduldete sich, schließlich an der Außenseite des steinernen Portals einhängen ließ. Somit war Luise nun letztlich vor der Nässe geschützt und auch die nächtliche Kälte, die nun über sie und den einsamen Ort hereinbrach, geschützt. Ja, sie fühlte Einsamkeit. Aber sie war nicht alleine.

Während ihr nun vor Überanstrengung durch die lange Wanderung nun die Augen zufielen, dachte sie noch kurz darüber nach, daß sie ja für die Nacht keine Lagerstatt hatte. Sie setzte sich kurzerhand auf die Holzbank, zum darauf Liegen war diese jedoch zu schmal. "Für eine Nacht", gähnte sie, "wird das wohl passen" - und war schon eingeschlafen. Traumlos ihr Schlaf, dafür lange und erholsam. Der folgende Tag begann für sie zu Mittag. Die Sonne schien bereits gleißend zu scheinen, denn als sie aufwachte, zeigten sich von draußen in das Halbdunkel des "heiligen Verschlages" hereindringende Teile der Mittagssonnenstrahlen - fast in der Intensität als würde jemand Lichtbogen schweißen. Als sie das Tor öffnete, dachte sie zunächst, sie träume noch, denn... als sie die Türe öffnete, war die Landschaft draußen wie verwandelt. Die Bäume waren war noch immer da, jedoch schien ihr, als würden nun graduell Waldbewohner sicht- und hörbar. Und auch der Pfad durch den Wald hatte sich verändert, das Wurzelwerk ausgebleicht, der Reisig am Waldboden verschwunden, an seiner Stelle nun lehmiger Erdboden und Steine. Der Pfad schien nun kontinuierlich anzusteigen und dabei enger zu werden. "Ein schmaler Grat, so zwischen Himmel und Erde." Was man so alles können soll und wollen muß. Jedenfalls hier und jetzt wurde Luise gar nicht erst gefragt. Sie sollte und mußte weitergehen.

~~~

Kapitel 4: Der Pfad des Mutes

So stand sie nun, den Blick gegen das grelle Sonnenlicht gerichtet, heftig blinzelnd am steinigen Weg. Während sie nun nach einigen Augenblicken des Zögerns nun einen Fuß vor den anderen setzte, und schließlich bald auf allen Vieren den Pfad emporklimmen mußte - die Steigung nahm fast unbewältigbare Ausmaße an - gelangte sie nach etlichen Kurven und steil abschüssigen Hängen nun an eine Weggabelung. Drei gußeiserne Pfeile wiesen den Weg. Einer las sich "Pfad der Hoffnung", der andere "Pfad des Mutes" und der andere "Weg des Daseins". Gut, der "Weg des Daseins" war jener steile und schmale Pfad, über den sie bis hier her gelangt war. Nun mußte sie sich tatsächlich entscheiden, und zwar schnell, denn ein schweres Gewitter drohte sie einzuholen. Es schien ihr schließlich - und sie mußte spontan die richtige Entscheidung treffen -, daß am Weg des Mutes über einem Waldeshain ein großer wolkenfreier Bereich sichtbar wurde. Also entschied sie sich für diesen Weg, bog scharf links ab. Und hatte, wie sie nach wenigen Minuten merkte, das Glück, daß das Wetter sie hinter sich ließ und der Weg auch breiter und gerader wurde, zwar kurvig, aber weder nennenswert bergauf und schon gar nicht bergab.

Die nächste Stunde schien wie im Flug zu vergehen, denn sie spürte einen steten, warmen Rückenwind, der ihren Körper zart umwob. Stütze war ihr in den letzten kaum 50 Stunden auch ihre Unerschütterlichkeit und ein "Hauch" an Selbstironie. Insgeheim wußte sie ja, sie würde allen Begebenheiten in ihrem Leben gewachsen sein. In manchen brenzligen Situationen schien das freilich zu Beginn oft nicht so. Wenn sie aber mal standhaft auch Unbekanntes und Ungewisses ertragen hatte in den letzten Jahren, hatte sie das stets nur stärker gemacht. Sie war auch in ihrer vorigen Beziehung irgendwie der Fels in der Brandung gewesen. Doch das "Wie" und "Warum" und auch das "Überhaupt" waren ihr gedanklich denkmöglich erst in den vergangenen Wochen bewußt geworden. Als Vorsehung. In zahlreichen kurzen, recht kryptischen (Tag-)Traumepisoden. "Wie ist das mit der Vorvergangenheit? – Kann ich vorab wissen, mich eines Tages erinnert haben zu werden." Ist man sein eigener Schöpfer, also nicht "zufällig existent" oder gar "dem Schicksal ausgeliefert". Ja, Luise wußte ganz genau, daß es da etwas gab, was letztlich unergründlich und nur durch individuelle Primärerfahrung des kollektiven Seins als Seiender im Universalbewußtsein sich zeigen würde. Metaphysisch. Im diesseitigen Universum wie parallel. Real wie virtuell. Physisch erfahrbar und doch auch wie nicht von dieser Welt.

Während sie also über die dual-dialektische Genese des Seins und ihren unerklärlichen Zauber - (seine) 'Natur' - nachdachte, wurden diese als schön für Luise spürbaren Gedanken staccato konterkariert durch grelle und laute Blitzlichter, "media flashes", portionierten Datenmüll, wie sie ihn aus der Konsumismusgesellschaft und dem vor allem urbanen Subkultur-Milieu oder aber von den Bobo-Hipsters aus ihrer ehemaligen Nachbarschaft leider noch immer noch "zu gut" (wieder)erkannte. "Aufhören, bitte sofort aufhören!!!" schrie sie, als sie ein rasender Kopfschmerz erfaßte, der sie - einem Blitzschlage gleich - vom Scheitel bis zu den Fußsohlen erbeben ließ. Als sich der Schmerz innerhalb von Sekundenbruchteilen zu einem unaushaltbaren Maximalwert gesteigert hatte -- war er auch mit einem Moment wieder: verschwunden.

Schwer atmend schleppte sie sich humpelnd zum Waldrand, der schon greifbar nahe gekommen war. Sie hatte Glück, eine Holzhütte, die zudem unversperrt war, bot ihr für den Nachmittag und die darauf folgende Nacht physischen wie energetischen Schutz. Die schwierigen Prüfungen in Form schier unlösbarer, labyrinthischer Rästel lagen noch vor ihr. Nach deren Lösung sollte sie in den Besitz des Schlüssels kommen. Doch das ahnte sie noch nicht. Auf das Herz, das Schloß und den Schlüssel hatte sie in der Aufregung der vergangen Stunden vergessen.
Nun stand sie also in der Hütte, deren Inneres von der Nachmittagssonne in warmes, liebendes Licht getaucht wurde. Da sie ahnte, daß es des Nächtens wieder bitterkalt werden würde, zündete sie den kleinen gußeisernen Ofen an, neben dem sich eine Holzbank befand, auf der sie sich die kommende Nacht tatsächlich wieder ausruhen konnte. Aber nur körperlich. Keineswegs psychisch.

Die ersten zwei Stunden, nachdem sie eingeschlafen war, verliefen verhältnismäßig ruhig. Doch plötzlich wachte sie auf und schoß aus dem Liegen in eine Sitzposition empor. Schlaftrunken wie sie war, weder schlafend noch wach, begann sie - wie von einem fremden Geist gesteuert - zu sprechen: "Glaube! Liebe! Hoffnung! -- Das ist von gestern. Was ich morgen finden werde ist Mut. Muuut. Ich werde den Zeichen folgen." Es klang nicht nur unwirtlich unwirklich, es fühlte sich für sie auch surreal an.

"Was geschieht da mit mir?" Sie konnte jedoch gar nicht viel weiterdenken, denn... es manifestierte sich im Finsteren vor ihr ein neues Bild. Sie sah Wellen. Aber nicht bloß Ätherwellen. Zunächst ja, aber dann schraffierten, zeichneten eben diese "Ströme" ein Bild eines Sees am Eingang einer Höhle; ihr war, als kannte sie den Platz bereits; diese Television in der allumfassenden Dunkelheit, die gleich und doch anders einem großen, unermeßlichen Nichts immer intensiver zu werden schien, war unheimlich. Auch deshalb, weil sie visuell die Reflexion eines Mitternachtsmondes, akustisch ein "Kratzen" an einem Becken (dem Musikinstrument) - leise aber doch bestimmt - beinhaltete.

"Waaas issst das?!" erschauderte sie. Während nun das vor ihr liegende Bild sich von seiner vertikalen Achse verabschiedete schien es so, als wollten die ihm zunächst noch innewohnenden Wellen am Energiekörper von Luise, man könnte sagen, ihrer "Aura", andocken. So weit, so unheimlich genug. Als jedoch ihre bislang doch sehr gewohnte physische Begrenzung in Kontakt mit dem blau-violetten Wellenkörper kam schien es ihr, als wären die Schranken ihres Körpers durchdrungen worden, ihre physis "angezapft".

"Was wollt Ihr alle von mir, Ihr Geister dieser Welt...?!" Darauf die aus ihr sprechende Stimme: "Du sollst über den Wassern singen / Und um den Mut Du ringen..." Sie war bleich. Wobei: das ließ sich bloß vermuten, denn ihr Angesicht lag ja im Dunklen. Daraufhin ließ der Wellenkörper von ihrem ab und wurde wieder zur Television. Ihr war, als tanze in der Mitte dieses Höhlensees ein goldener Schmetterling, einer erstarrten Blume gleich. Ein Glockenklang erhob sich leise aus den akustischen Wellenkonturen, die sich klanglich unter 100 Hertz, gefrorenem Eise gleich, jetzt sachte an Luises Ohren schmiegten.

"Ein Schmetterling also." Das fliegende Tier näherte sich ihr, beinahe akustisch unbemerkbar. Je näher es kam, umso mehr merkte sie, daß es sich nicht um einen Nachtfalter oder dergleichen handelte, das zierliche, goldene, geflügelte Wesen ähnelte eher einer mehrfärbigen Prachtlibelle - mit einer Farbpalette von rotgold bis sonnengelb.

Es landete zunächst auf ihrem Nasenrücken. Geradezu dort wo... sie vor einigen Monaten von einem Waldschamanen erfahren hatte, dort befände sich die Schnittstelle zwischen physis, psyche und der Anderswelt. Also eine Art "Firewire-Schnittstelle für Äther-WLAN" auf Neumodisch. "Was macht dieser lose Falter da vor meinem dritten Auge?!" fuhr es fast aus ihr heraus. Doch der Schmetterling schien ihre spontane Emotionalisierung zu fühlen, tänzelte über ihre Stirn und nahm schließlich auf ihrem Scheitel Platz.

"Soll oder kann ich mich dorthin teleportieren lassen? Wenn ja, wie? Und: Komme ich von dort dann wieder wenigstens hierhin irgendwie zurück. Ja, vermutlich schon, nur wann, wie und von wo...?!" Ihre Gedanken rotierten und nach einigen Momenten fing sie, Luise, unwillkürlich an, am Platz zu tanzen, eine Pirouette nach der anderen, einer Ballerina gleich. Die Bewegungen wurden langsam schneller, ihr war, als schwebte ihr Bewußtsein nun leicht über ihr; mit sich selbst außer - also leicht oberhalb - von sich (ihrem Körper, ihrer physischen Hülle) tauchte sie schräg nach vorne schwebend nicht nur in das vor ihr schimmernde Ätherlichtbild ein, sondern fand sich sogleich strampelnd im Teich wieder, diesmal "zur Abwechslung" wieder mal ganz real-körperlich spürbar. Sie mußte jetzt also eine zeitlang schwimmen - zumindest bis zum Höhleneingang. Jedoch war das Wasser zu ihrem Erstaunen keineswegs eiskalt, sondern angenehm warm, gerade so, als wäre sie nun von einem Moment auf den anderen von an das Wasser übergebener Wärme aus dem Erdinneren schützend umhüllt. Welch ein Kontrast: Der dunkle Teich im Mondenschein am Eingang zu einer Felshöhle und zugleich das Gefühl eines wohlig eingehüllten Seins. Und Tuns: denn sie mußte langsam, aber stetig schwimmen, denn der Felseingang kam nur bedächtig näher.

Als sie nun nach einer gefühlten kleinen Ewigkeit doch an einem ersten Teil des Felsvorsprungs andocken konnte (der erste, etwas zaghafte Griff nach dem Stein in der Dunkelheit bot ihr gleich sicheren Halt), bemerkte sie erst, daß ihr der goldene Schmetterling gefolgt war; am Eingang der Höhle angelangt, ließ sich der geflügelte Begleiter, dessen Flügelschläge wirklich sehr grazil waren, auf einer (es mochte eine sein) Seerose nieder, deren dunkelrosarote Farbe sich sogleich in ein smaragdenes Königsblau verwandelte. Der Schmetterling sorgte für gedämpftes Licht im kleinen steinernen Vorraum eines weitläufigen Höhlensystems, das nun von Luise bewältigt werden mußte; und eben dieser tierische Begleiter - mehr Fabelwesen als Teil der ihr bekannten Fauna - hatte für diese visuell spektakuläre mikrokosmische Metamorphose gesorgt.

Da schwamm sie nun fast im Stand, vertikal langsam mit ihren Händen paddelnd. An ihren Fußsohlen spürte sie deutlich, wie warme Wasserstrahlen das sie umgebende Naß in Bewegung versetzten, ihr Körper begann wiederum leicht zu tanzen, als sei sie ein Fisch, gar eine Nixe, die... zu singen begann.

Sie erinnerte sich ganz lebhaft an eine Szenerie aus der Vergangenheit. Da ihr wohlig wurde, ihre Furcht davor, was noch kommen möge, fast verflog, stimmte sie mit kräftiger, hörbarer Stimme ein Lied an, mit dem sie etliche Erinnerungen verband. "Flieg mich doch zum Mond / Und laß mich mit den Sternderln spiel'n / Wenn ich in Deine Augen seh / Dann komm ich ganz ins Fühl'n..."
-- Ja, der Sommernachtsvollmond beleuchtete nun durch einen fast perfekt kreisrunden Spalt im steinernen Dach ihr lockiges Haar, das einen Strahlenkranz ins Wasser reflektierte. Als sie sich auf diese innere Erinnerungsreise begab, die sie dazu gebracht hatte, von sich aus zu tönen... wandelten sich plötzlich all ihre Bilder in ikonische Metaphern, als seien sie aus einem "Erinnerungspalast" entlehnt, als verkörperten sie die in Musik gegossenen inneren Stimmungen und Schwingungsverhältnisse von Luise. Ihrem bisherigen (und künftigen?) Leben: ihrem Leiden, Lachen und Lieben.

~~~

Kapitel 5: Rendez-vous mit dem Tritonus

Das Wasser unter ihr kam in niederfrequente Schwingung. Wiedermal ereignete es sich unterhalb von 100 Hertz. (Etwaige Obertöne sollten erst später dazustoßen.) Luise war, als stimmte am Boden dieses "Wasserbeckens" ein überdimensionaler Kontrabaß ein bislang ungehörtes Lied an. Voll von Widerprüchen und doch - irgendwie und letztlich - harmonisch.

Gleich einem mehrstrahligen Kristall erklang mittig zwischen Seerose und "Mondöffnung" der Höhle ein "Fis", wohl zweigestrichen. Und zwei mal in kurzer Folge schien Luise, bewegte sich auch der überdimensionale unsichtbare Bogen über die "Saiten" des "Wasserbasses". Bald darauf oszillierte die "Prim" als... sanfter Tritonus zwischen "c" und "fis". Zu diesem neuen Intervall gesellte sich - eine Oktave tiefer - alsbald eine Quint aus "b" und "f".

Als nun das tiefe Unterwasser-Cello schneller zu klingen begann , schien es Luise , als traten wiederholt Intervallumkehrungen ein. Am deutlichsten konnte sie es festellen, so sich "f" und "fis" sehr nahe gekommen waren; die kleine Sekund klang durchaus "diabolischer" als der Tritonus aus "c" und "fis"; die zeitweise diatonische Nähe aus "b" und "c" konnte ihre Ohren stets nur für kurze Momente auf akustische Entspannung hoffen lassen. Plötzlich wandelte sich der tiefe, doch bislang sanfte Klang in ein tonikales, metallisches Nagelbett; zu perkussiv erklangen nun die Saiten, stählern die Schallwellen, die sich in der Vorstellung von Luise wenige Zentimeter bis unter die "Oberkante" der Wasserwellen drängten, als forderten sie Raum in derselben physikalischen Dimension wie das Wasser, gleichwohl ohne seine Wellen"berge" und -"täler" zunächst zu beeinflussen.

Merkwürdig genug, ertönten schon die Klangschwingungen des Kontrabasses zwar nicht wie "üblich", aber ungemein anders, als würde der Schall durch das Wasser (oder auch mit seiner Hilfe) transportiert; der Baßklang schien förmlich mit seiner Umgebung zu interagieren. "Singest Du / Dann klinge ich", hatte Luise doch vorhin vernommen, oder täuschte sie sich?
Kurzum, während Luise sinnierte, wie und warum sie in diesen Klangpalast, nein, -tempel hineingeraten war, erkannte sie einen schmalen Spalt, der sich offensichtlich perpetuierend auftat zwischen der steinernen Begrenzung der Höhle als "Beckenrand", und dem Wasser, seinen Wellen; die Schallwellen jedoch schienen sowohl im Wasser unter ihr bis zur Felswand reflektiert zu werden (der unter, neben und oben ihr), sie formten auch ein akustisches Dach in Form eines Rhombendodekaeders, nur schwach zu sehen, dafür für Luise aber glaskar konturiert wahrnehmbar. Sie hatte nämlich nicht nur ein absolut-vollkommenes Gehör, mehr noch, ihre akustische Raumvorstellung war ganz offensichtlich vierdimensional ausgebildet. Es schien ihr bereits in jüngeren Jahren oftmals so gewesen, als wäre sie eine Art von Lehr(lings)zeit durchgegangen, als Kleinkind hatte sie bereits realisiert, daß ihre Wahrnehmung der Welt und der ihr innenwohnenden vielgestaltigen Genese und Phänomenologie eine andere war als die ihres familialen Umfelds, auch anders als die ihres spährlichen Freundeskreises.

Während andere Menschen, denen Luise auf ihrem Lebensweg bislang begegnet war - vornehmlich, so sie von Erinnerungen erzählten - sehr oft in Bildern dachten (in Begleitung von Worten) und dies auch irgendwie sichtbar zu verkörpern schienen, so waren es bei Luise vorallem Schwingungen, Töne, Klangtrauben - melodisch oder atonikal - die das Netz ihrer Erinnerungen als mnemotechnischen Pfad bildeten. Und - das war selbst für Luise in den ersten Jahren sowohl belastend wie auch faszinierend, letztlich gewöhnungsbedürftig - ihr Bewußtsein schien häufig bei Themen (und Menschen), die sie intensiv beschäftigten, eine Brücke der Synchronisation und Aktualisierung in der Gegenwart, mehr noch, eine klangliche Vorahnung, mal piano, adagio, dann aber auch staccato fortissimo - in Teilen für Luise noch un-erhört, in ihrem inneren Ohr entstehen.

Oft, wenn sie durch Landschaften, Orte, oder auch gemauerte Räume ging, hatten diese nicht nur die gemeinhin als faktische angesehene, kulturell-gesellschaftlich geformte axiomatische Historizität. Nein, für Luise bestanden noch zwei zusätzliche, komplementäre wie dialektisch-polysemantische Raumzeitebenen. Jene ihrer eigenen Ortserfahrung im (linearen oder spiralförmigen) Zeitenlauf, weiters auch jene (von ihr bislang noch un-realisierte) Ebene der virtuellen Koinzidenzen.
Ihre erste Kenntnis, ihr rencontre, von und mit ihrer prä-materiellen und super-sensualen Veranlagung machte Luise eines Abends kurz vor dem Einschlafen.

Sie erinnerte sich, bereits als Kind - sie mochte vielleicht acht oder auch zehn Jahre gewesen sein - war das Einschlafen, das Hinübergleiten ins Traumland, für sie immer wieder eine besondere Erfahrung. So zwischen Wach- und Schlafzustand machte ihr Körper in ihren Gedanken, sein in ihrem ganzen physischen wie psychischen, besser, geistigen Sein eine spiralförmige Drehbewegung nach oben. Zunächst langsam, dann durchdrang "sie" die Zimmerdecke, dann den Dachboden (auf dem es modrig roch, sehen konnte sie nicht viel, denn es war, bis auf ein paar schwache Mondlicht-Strahlen tatsächlich finster), schließlich den Giebel. Dann, so schien ihr, schwebte sie auf einer kleinen Sternschnuppe (es war wohl eher eine geruchslose und staubfreie - wie auch immer das vonstatten ging - Rauchwolke aus dem Hauskamin), die sie auf den Turm der dem Haus seitlich stehenden Kapelle. Da saß sie nun, in eine weiße, nein zartrosafarbene Felljacke gehüllt, auf der goldenen Kugel des Kirchturms. Das Kreuz jedoch hatte die kleine Luise als silberne Spirale, mit Rubinen besetzt, in der Hand. Es war ihr zugeflogen, kaum war sie von der Sternenschnuppe erfaßt worden.

Die metallene Silberspirale funkelte und glitzerte im Schein des Vollmonds; drei große Rubine, vielleicht waren es aber auch Granate, waren auf ihr und in ihr kunstvoll gefaßt. Jener Stein, der am hellsten funkelte, in dieser (nur imaginierten?) Nacht, war auch der, der Luise, nun als der herangewachsenen Frau, auf dem Weg des Mutes wiederbegegnete.

~~~

Kapitel 6: Der rubinrote Notenschlüssel

Langsam schien der wieder sanft gewordene Klang des Unterwasserbasses zu verstummen, das Wasser selbst veränderte auch seinen Wasserstand. War Luise bis vorhin nur schwimmend bis zum Hals im Wasser gewesen, spürte sie nun steinigen Boden unter ihren Füßen. Seltsamerweise konnte sie, wenn sie vorsichtige Schritte Richtung Zentrum dieses Wasserbeckens machte, sich nun ganz normal bewegen, es war so, als wäre kein Wasser da, obwohl sie es sah und auch spürte. Durch die Öffnung oberhalb leuchtete der Mond wieder besonders stark herein, die smaragdfarbene Libelle verwandelte nun aber sowohl ihre Farbe, als wäre sie ein Chamäleon, und ihre Form, als sei auch sie eine Fata Morgana. An der Stelle der sich bewegenden Libelle lag nun: Ein Notenschlüssel aus Stein. In Form eines Baßschlüssels. Seine "Punkte" waren nur "angedeutet" dazugeschnitzt, so wirkte es jedenfalls. Als Luise ihn ergriff, ertönte nochmals das doppelte Intervall, das ihr ja zuvor schon begegnet war. Der Tritonus von "c" nach "fis" sowie die Quint von "b" nach "f".

Was danach passierte: Mit einem Moment schlief die erwachsene Luise ein, das letzte Bild vor dem Einschlafen war ein großes Daunenkissen, in das sie sich sanft fallen ließ. Bleiern ihre Augenlider, als sie einige Stunden (oder waren es Tage?) später erwachte. Um sie herum war es zunächst still. Dann: etwas Licht; zögerlich tastete sie sich vorwärts. Als sie so die Wände entlangstrich, schien ihr, sie durchwandere den Korpus eines überdimensionierten Musikinstruments. Während sie an die offensichtlich hölzernen Wände klopfte ertönten abermals Saitenklänge. Diese schienen diesmal jedoch von einem anderen Instrument zu stammen. Luise mutmaßte, es müsse sich um eine Harfe oder so etwas ähnliches handeln. Doch plötzlich war sie in einer Sackgasse gelandet: Wobei?! "Hier könnte ich mich hochhanteln", dachte Luise. Sie ergriff ein riesenhaftes stählernes Saitengewinde nach dem anderen, und hoffte, oben irgendwie aus dem Instrument schlüpfen zu können, erspähte sie doch etwas Licht, vielleicht eine späte Nachmittagssonne, in das Instrument dringen.

"So, hoffentlich kann ich jetzt bald sehen, wo ich mich da eigentlich gerade befinde", murmelte Luise, gleich- wie langmütig. Tatsächlich gelang es ihr, die Zierkappe der Harfe soweit zu öffnen - diese war für die vorliegende Dimensionierung tatsächlich leicht anzuheben -, daß sie, Luise, nun das Musikinstrument verlassen konnte. Sie wähnte sich mitten in einem im Barock- oder Rokokostil gehaltenen Arbeitszimmer eines kleinen Schlosses. Als sie beim Fenster hinausblickte erkannte sie den Teich, nein See, mit der mächtigen Felsformation, unter der sie zuvor noch geschwommen war.

"Wo bin ich hier eigentlich", murmelte Luise. Nun fiel ihr Blick auf den Schreibtisch; nicht bloß er Bote - aus längst vergangenen Zeiten. Als wäre das Ganze nicht schon surreal genug, erkannte Luise in der kartographischen Darstellung, die am Schreibpult vor ihr lag, die Pappmache-Fetzen wieder, denen sie auf mysteriöse Weise in ihrer Holzhütte begegnet war. Allerdings eben nicht als Fetzen, sondern als zusammengesetzte Karte, die ihr weitere Rätsel aufgab, so klar sie auch gezeichnet und deutlich sie beschriftet schien.

"Das hier könnte die Felsformation sein. Hier" - und sie hatte die Karte zu sich genommen, hielt sie ganz fest, während sie seitlich aus dem Fenster hinauslugte - "ist offensichtlich das Schloß, oder die Burg, in der ich jetzt bin." --- "Kommt mir irgendwie vor, als befände ich mich in dem großen Kloster, wie hieß das nochmal? An der Donau. Aggsbach. Aber viel kleiner. Und nicht am Fluß gelegen, sondern an einem See."

"Und diese Wiese - da auf der Karte - siehe ich auch nicht. Der Turm, der da eingezeichnet ist, befindet sich offensichtlich in einem Waldstück, aber das liegt von hier aus gesehen schräg im Nordwesten", stellte Luise etwas entmutigt fest. Sie sah sich nun etwas um an diesem prächtigen, jedoch verlassen und etwas verwunschen wirkenden Ort. Die Harfe war, wie sie gleich feststellte, nicht das einzige Musikinstrument in diesem Raum; eine Mandola und ein Cembalo, dem Klang nach ein Hammerklavier, standen in einem Eck des Raumes, das durch die Nachmittagssonne in einen rot-goldenen Schimmer getaucht wurde. Auf dem Klavier: eine Notenpartitur, offensichtlich recht weit ausgearbeitet, aber unvollendet. Die Melodie-Notation hatte beinahe ein jähes Ende, zumindest aber einen Abbruch erfahren. Luise schauderte, als sie erkannte, daß die letzten beiden Akkorde aus den Tönen und Intervallen gebildet waren, die sie aus dem Wasser vernommen hatte...

~~~

Kapitel 7: Der verstummte Gesang

Zögernd begann Luise, die Melodie zu spielen. Als die Saiten des Instruments sich entschieden hatten - zurückhaltend aber doch - in Schwingung zu kommen, wirkte es so als ... bräche das Instrument beinahe unter ihrem Spiel zusammen; nicht weil sie schlecht spielte, oder zu kräftig die Tasten anschlug; nein, es wirkte so, als wäre das Piano aus Altersgründen bereits so geschwächt, daß der Rahmen das Gewicht der Saiten und der Klaviatur kaum mehr ertrüge. Das Seltsame war: das Hammerklavier war zwar verstimmt, aber vorrangig in sich selbst, so, daß es fast wohlklingend war. Mit einer Ausnahme, dem Intervall zwischen "c" und "fis". Und jenem zwischen "b" und "f". "Vierteltöne?! Mit Absicht??!!" Doch die eigentliche klangliche Überraschung für Luise sollte noch kommen.

Sie war perplex. Fing das Stück nochmals zu spielen an. Irgendetwas irritierte sie, die Wendung gegen "Schluß", war sie beabsichtigt?
Ratlos saß sie am Hammerklavier, versuchte nun, da sie bemerkt hatte, daß sich in diesem Raum an der Wand, ein hoher, schmaler Spiegel befand, das Stück von hinten zu spielen. "So macht es irgendwie mehr Sinn, wären da nicht die Vierteltöne aus dem Piano."
Teile der Melodie, der Phrasierung oder Phrase kamen ihr sehr bekannt vor. Doch von wo? Da erinnerte sie sich: Ihr Großvater hatte Orgel gespielt, immer sonntags in der Kirche. Bach?! - Nein, eindeutig nicht; - Mozart?!! - Vielleicht. Richtig, Schubert. Sie hatte es geahnt. War der unbekannte Komponist dieses unvollendeten Werks ein Vorfahre von Franz Schubert, im Geiste??

"Aber welches Stück?!" versuchte sich Luise zu erinnern. Dann, kam es ihr, als farbenfrohes Erinnerungsbild aus Kindertagen. Es war ein Sonntag Nachmittag gewesen, im Frühherbst. Wie meistens am Ende der Woche übte ihr Großvater auch heute für das Hochamt. Seine musikalischen Vorbilder waren Schubert und Beethoven gewesen. Bach und Mozart fand er zwar nett, aber zu "verräterisch", zu berechenbar, zu erratbar im Voraus.
Sie selbst hätte gerne viel, viel mehr auch über die Beweggründe der Künstler gewußt, die zumeist meisterhafte Werke zu Papier gebracht hatten. Luises Großvater war ein wandelndes musikalisches Lexikon, sie hatte es jedoch verabsäumt, zeitlebens ihres Opas die Gelegenheit zu nutzen, ihn über seinen Zugang zu Musik zu befragen. Er war ein Autodidakt gewesen, wie viele unerkannte und auch bekannte Genies.

Einem Buch war sie in Kindertagen begegnet, ihr Großvater hatte es wie eine Bibel im Schrein seiner wichtigsten Bücher ganz in der Mitte stehen. Es nannte sich "Der unerhörte Klang" und mochte Anfang des 19. Jahrhunderts geschrieben worden sein. Es handelte sich um eine labyrinthische Geschichte, eine Art frei assoziierten Hypertext in gedruckter Form. Es griff denkwürdige Begebenheiten aus Künstlerlebensgeschichten auf, und setzte sie - über mehrere Jahrhunderte hinweg - in koinzidentielle Relation. Das Buch las sich wie ein packender Thriller, auf so mannigfaltige Art und Weise sie es auch lesen mochte. Als Kind war Luise als Bücherliebhaberin im doppelten Sinne belesen. Ihre eigene, essayistisch-romanhafte Gedankenwelt zu Papier bringen hatte sie sich bislang noch nicht getraut. Noch nicht. Jedes Mal wenn sie sich - heimlich - dieses Buch ausborgte, vornehmlich während sich ihr Großvater - wohlahnend - genüßlich eine Pfeife mit Tabak aus dem eignen Garten anzündete, war ihr, als verlockten sie hierzu zarte Feenstimmen.

"Lies jetzt! Das Leben wartet nicht! Komm' ... mit uns ... auf die Reise" wisperte es aus dem Bücherregal. Als Luise sich näherte, bemerkte sie die Patina des Buches, das da ganz in der Mitte stand. Sein Einband dezent, das Leder abgegriffen, an einem Eck zerschlissen. Oben, am Frontispiz: Das Freimaurer-Auge, das dritte Auge oder auch: das Auge des höchsten Bewußtseins.
Luise glaubte nicht an Esoterik, billige Geschäftemacherei mit den Sorgen, Nöten und Belastungen bedürftiger Menschen. Was sie hingegen tief in ihrem Inneren wußte, nachdem sie bereits eigene Körper-Geist-Erfahrungen gemacht hatte, war: wirklich (und wahrhaftig) ist nicht bloß das materiell Greifbare, oder auch kulturell-aufgeklärt erkannte Wissenschaftliche. Ob man es nun m
etaphysis nennen mochte, Hellsichtigkeit oder erweiterte Bewußtheit für nicht alltägliche Wirklichkeit. Was bei Kindern (wenn sie es zulassen) noch ungefilterte Wahrnehmung ist, das wußte Luise nur zu gut; mit vielen ihrer (angeblich) zusammengesponnenen, (scheinbar) daherphantasierten Wahrnehmungen konnte lange Jahre nur ein einziger Mensch umgehen, nicht mal sie selbst, sondern ihr Großvater.

Sooft sie das Buch ergriff, kribbelte es nicht nur in ihrem Bauch, sondern auch ihre Finger und Hände waren wie elektrisiert. Die Spannung, die sie innerlich fühlte, konnte sie sprichwörtlich spüren. War es, weil sie etwas "Verbotenes" tat? Oder vielmehr, weil auf sie Einsichten wartete, deren Tragweite sie erst im Laufe ihres Heranwachsens begreifen würde?
Heute war wieder einer dieser Tage: Luise wähnte sich in Sicherheit, war es doch ein freundlicher, sonniger Tag - und Großvater saß - Pfeife rauchend und Zeitung lesend, bei einem Stamperl Zwetschken- oder Nußschnaps - auf der Veranda und genoß sichtlich seine Muße, bevor es dann zum Üben für das Hochamt in die Kirche ging; Luise hielt das Buch schon in Händen, diesmal schien es - seinem Titel gerecht zu werden - und... war es das Zittern ihrer Hände oder vibrierte das Buch?

"Mein Schatz, was machst Du denn da?! Das ist..." - "Nichts für mich, Opa, ich weiß" - "Noch nicht, jedenfalls." - Etwas verstört, aber doch mit einem verschmitzten Lächeln auf den Lippen war ihr Großvater lautlos durch den Türstock hereingeschlichen. "Komm mit mir nach draußen. Lesen wir gemeinsam in dem Buch. Ich werde Dir mal ein erstes seiner vielen Geheimnisse verraten, ich denke, es ist schon mal an der Zeit...", nahm Opa seine Enkeltochter an der Hand und nahm mit Luise, an seine Seite geschmiegt, auf der alten Holzbank in der Nachmittagssonne Platz. Es duftete nach frischem Kaffee, leicht akzentuiert durch zeitweilige Rosenduftwölkchen.

"Aus der Stille ward der Klang geboren.", stand da in kolorierten Lettern. "Frei schwingen kann nur, wer Halt hat und auch Raum. In allen Zeiten und Welten." las Luises Großvater die einleitenden Worte des ersten Buchabschnitts, Kapitel I. Sein Blick hatte nun sowohl etwas Sanftmütiges wie auch Hochkonzentriertes. In seinen dunkelgrünen Augen schienen sich ganz leicht die Seerosen aus dem Gartenteich widerzuspiegeln, der einige Meter entfernt von ihnen eingebettet in eine Wiese von Mohnblumen und Wegwarten lag.

Dieses Funkeln, das die Enkelin in den Augen des Großvaters wahrnahm, erinnerte sie an eine Szenerie einige Jahre zuvor bei einem Fest, es mochte auch im Herbst gewesen sein, zur Traubenlesezeit, als er mit einigen Freunden am Rande eines Wanderweges in einem verlassenen Pavillon, der seinerzeit (wohl um 1900) als Wanderercafe recht beliebt gewesen war, nach langen Jahren seine Geige ausgegraben hatte und mit einer Zitherspielerin und einem Klarinettisten zu musizieren begann. Ja, damals gab es Grund, zu feiern. Die Ernte war reich gewesen und Luises Schwester war vor kurzem geboren worden.

Die Geige, ein Erbstück wiederum seines Großvaters, mochte von einem Geigenbauer aus Mailand stammen, ihr Korpus hatte schon gut zwei Jahrhunderte bestanden, die Saiten mochten wohl schon einige Male gewechselt worden sein. Interessant auch die Stimmung des Instruments. Kaum erklang nach langer Zeit das erste Lied auf diesem Instrument, fühlte man sich nicht bloß ins 18. Jahrhundert zurückversetzt. Vielmehr wirkte es so, als transferierte die Violine den Spieler wie auch die Zuhörer mittels ihrer Klangsphäre in längst vergessene Zeiten der Renaissance.

~~~

Kapitel 8: Spiegelungen

Da stand sie nun. Noch immer am Fenster. Nebelschwaden, substantiell, doch bruchstückhaft; - gleich ihrer wahrlich bloß existentiellen Präsenz. Hier, im voll ausstaffierten Raum. Eines Prachtbaus, dessen Blüte vergangen, dessen Atem verklungen schien. Die vermeintliche Sicherheit hier hatte etwas Mysteriöses an sich, fühlte sie sich hier, wenn sie gedanklich die schmucke Ausgestaltung der Innen- wie auch Außenmauern sezierte, sei es nun mit Spachtel oder Hammer, wohl eher so, als weilte sie bei einem öden Schlosse, dessen Lebenslust exklusiv von seinem aktiven Innenleben abzuhängen schien. Fast schien ihr, als könne sie einen hölzernen Steg ausmachen, welcher sich allerdings bereits vor langer Zeit in die Wasser des dunklen Sees zurückgezogen hatte.

Während Luise weiterhin Richtung Horizont blickte, war ihr, als würde ein Felsblock einen glitzernden Schimmer zeigen, wohl nicht nur als Spiegelung eines Teils der Wasseroberfläche im kleinen, nein, es schien, als leuchtete er auch sich selbst heraus. Einfach so, in situ. Doch wie könnte so etwas vonstatten gehen. Luise nahm nun endlich Platz, um etwas rasten zu können. Nun bekam sie - nach Tagen - nun wirklich nicht nur Durst (den hatte sie zwischendurch stillen können), sondern ihr leerer Magen machte auf sehr unangenehme Weise auf sich aufmerksam. Sie mußte also das Zimmer verlassen. Die hölzerne Tür in Opposition zum Fenster, das in eine (eigenwillige) Art von Freiheit zumindest zu führen schien, machte nicht gerade einen ebensolchen Eindruck.

Der spontane Versuch, die Türe zu öffnen, scheiterte. "Wäre doch zu einfach gewesen", murrte Luise, etwas kraftlos, doch weiterhin mit unerschütterlich fokussierten Gedanken, wollte sie doch die auf der Pergamentkarte angedeuteten Orientierungspunkte ausfindig machen und somit die ihr aufgetragenen Rätsel lösen. Wie aus dem Nichts drang ein kräftiger Windstoß abermals ins Zimmer ein. Halblaut, klirrend, fiel etwas zu Boden. Es war ein Kandelaber, der sich am Klavier befunden hatte, der - allerdings - in drei Teile zerfallen war, eine Konsole, einen Stiel und einen Aufsatz, in dem vorhin noch eine Kerze gesteckt war. Jetzt lag diese zerbrochen am Boden und der Stiel entpuppte sich nicht nur als Noten- sondern auch als Türschlüssel! Luise konnte sich also nun - endlich - auf den Weg machen.

Mit dem Türschlüssel in der Hand betrat sie, nachdem sie den breiten hölzernen Türstock durchquert hatte, einen schmalen Gang, der nur sehr schemenhaft ausgeleuchtet war. Glaubte sich Luise bereits nach wenigen Metern in einer Sackgasse zu befinden, mit Blick auf den großen Teich, der durch eine burgenartige Schießscharte freigegeben wurde, in die nachträglich ein Bleiglas-Fenster eingesetzt worden war. Bevor sie jedoch kehrt machte Richtung des großen Salons, den sie eben verlassen hatte, spiegelte sich in der Glasscheibe nicht nur das Licht der schwindenden Sonne, nein, ein Kerzenflackern konnte Luise ebenso ausmachen. Als sie einen Schritt zur Seite machte, um die Konturen klarer ausmachen zu können, versetzte es ihren linken Fuß mit einem Mal beinahe 20cm in die Tiefe. Als Luise sich zur Seite drehte, bemerkte sie, daß sie auf einer Stufe angelangt war, gerade breit genug, um eine geöffnete Holztüre seitlich...

Ein Knarren, nein ein Knistern vernahm Luise, sie zitterte. "Ist das nicht schön langsam genug der "Mutprobe" für mich? "Mm, meine Nerven liegen eh schon blank", entfuhr es ihr, halblaut, an sich selbst gerichtet. Denn sonst war niemand da, zumindest nicht physisch vor Ort. Hoffte sie jedenfalls.

~~~

Kapitel 9: Die Wendeltreppe

Da bemerkte sie es: Der Feuerschein, den sie als Spiegelbild an der Fensterscheibe erblickt hatte, kam hier aus dem Inneren.
Zu ihrem Erstaunen paßte der Schlüssel auch an dieser Türe. Ganz leichtgängig setzte sich an diesem Portal - wohin würde es wohl führen?! - die Mechanik in Bewegung. Dieses Schloß im Schloß gab den Weg nun endgültig frei. Aus Sandstein mochte vielleicht die zylindrische, felsenfest anmutende Außenhaut dieses Treppenhausturmes sein. Die Stufen aus grobem, handbehauenen Granulit, jede dritte, vierte hatte auch grüne und silberne Einschlüsse, die vermutlich auf den hier im Gestein vorkommenden Amphibolit wie auch Glimmerschiefer zurückzuführen waren. An den Seitenwänden dieses Stiegenabganges konnte Luise sehr bald ein eisernes Geländer erspüren, das ihr, obwohl es hier herinnen durchwegs mit jedem Schritt in die Tiefe kühler wurde und ihre Finger sie bereits die Kälte unangenehm spüren ließen, fröstelnder als der leichte Wind, der von unten heraufwehte, sicheren Halt gab, zusätzlich 'gesichert' durch den Kerzen(?)schein, der aus gußeisernen Laternen durch Milchquarz-Glasscheiben drang.

Schritt für Schritt folgte sie dem Weg, der sich - langsam aber doch - im schummrigen Halbdunkel zu offenbaren schien. Jetzt hatte sie bereits vier, fünf Wendungen der Steinstufenspirale hinter sich; um sie herum wurde es bereits etwas kühler. Plötzlich kam sie an ein zweites Türblatt; ebenso mit einem Glaseinsatz in der oberen Hälfte versehen, wie sein Zwilling oben, vor dem Abgang. Der Wind draußen, den sie am leichten und dennoch deutlichen Wellengang des Teiches erkannte, der graduell die Staubfacettierung der Glasscheibe zu überlagern versuchte. Er wurde stärker, so stark, daß plötzlich das schwere Türblatt beinahe Luise touchierte. Am Weg nach draußen.

Vor ihr: ein Holzsteg, rutschig, algenübersät. Luise setzte einen ersten, gezielten Schritt - auf jene Holzplanken, die ihrem steinernen Rand noch am nächsten schienen und - so hoffte Luise - mit einer stabilen, noch haltbaren Lattung darunter ausgestattet seien, zumindest die ersten eineinhalb, zwei Meter. Das Material direkt unter ihren Füßen zeigte sich dankenswerter Weise geduldig, und so konnte Luise einige Meter hinaus auf den Teich gelangen. Hierbei fixierte sie bis auf Weiteres jedoch den hölzernen Pfad, der vor ihr lag. War sie jetzt doch hier, allein; auf dem Holzweg, wie ihr schien, im ganz erfahrbaren Sinne.

~~~

Kapitel 10: Der Weg zur Inselburg

So folgte sie nun dem Pfad, dem Holzsteg entlang. Mit einem Mal wurde der Wind stärker, wie auch der Untergrund rutschiger. Seitlich geleitete zwar ein Geländer den entlang schlendernden Wanderer, doch in diesem naßkalten Wetter schien es weder zielführend noch angebracht, die Stabilität des Geländers auf die Probe zu stellen. Stattdessen entschied sich Luise, die eben einen rutschigen Part der Holzkonstruktion erreicht hatte, dafür, ihre Gehgeschwindigkeit zu reduzieren. Nach etlichen Minuten, in denen die Insel nicht näher zu kommen schien, erreichte sie eine Weggabelung, die sie vom Fenster des Schlosses nicht erkennen hatte können. Oder hatte sie diese übersehen?

Der Wind frischte jedenfalls kräftig auf und blies ihr entgegen. "Soll ich umkehren?!" zweifelte Luise. Sie war wirklich unschlüssig. Da sie bereits ein weites Stück des Weges hinter sich gelassen hatte, entschied sie sich doch dafür, weiterzugehen. Sie wählte den Pfad, der eine Abkürzung zu sein schien. -- "Abkürzung??!!" seufzte sie, ihre Stimme halb vergeblich gegen den Wind ankämpfend. "Was kann das noch werden", dachte sie, wieder ein klein wenig mehr bei sich. Während sie sich nun ganz langsam, vorsichtig, entlang des Holzgeländers 'vortastete', fühlte sie ihre Füße schwer, dann gar nicht mehr. Nach einigen Minuten, die ihr wie etliche zehn Minuten vorkamen, erreichte sie nun das Ende der Brücke. Nun stand sie wieder vor einem Tor, einem steinernen Portal, das ein zweiteiliges Holztürblatt aufwies. Und: Luise hatte Glück, denn das Tor war einen Spalt geöffnet...

Aus dem Inneren meinte Luise, einen leisen, traurigen Vogelgesang zu vernehmen. Eine Melodie, die sie sehr an die Tritonus-Akkordfolge denken lies, die sie im Felsenbecken vernommen hatte. Zaghaft zeigte sich, Zentimeter für Zentimeter, das Innere des nur in Umrissen wahrnehmbaren, halb-verfallenen Gebäudekomplexes auf der Insel.
Ihr schimmerte der Schein einer an schräg gegenüberliegenden Fassade befestigten, kerzenbeleuchteten Laterne entgegen, der kleine Innenhof wirkte im Halbdunkel durch den kontrastreichen, jedoch sehr flatterhaften Schattenwurf gedrungen, regelrecht gespenstisch. Atemberaubend für sie auch, das überaus unheimlich wirkende Ensemble aus mit Renaissance-Fratze 'verziertem' Fenstersims, schmiedeeiserner Laterne und vergittertem Fenster.

Als wären die gebrochenen Vogellaute, die durch die Echobildung weithin nach oben in den Äther gesendet wurden, nicht genug, mischte sich noch ein metallisches Klirren dazu, es wirkte, als wolle es Widerpart zum fast stummen, wenn auch stark verstärkten Vogelruf sein.

Da durchfuhr Luise ein eisiger Kälteschauer. Sie mußte dringend ins Innere dieser Inselburg und sich - in welcher Form auch immer - aufwärmen, ihre Finger und Zehen waren gefühllos, taub, kalt. Es fröstelte sie. Und Durst verspürte sie auch. Sie lehnte sich an einen verschlossen wirkenden Eingang in einem Mauervorsprung, der ihr zumindest etwas Schutz vor der Kälte und der Nacht zu geben schien. Fast wäre sie schon verzweifelt eingeschlafen, fiel sie sprichwörtlich fast mit der Tür ins Haus.

Als sie im dahinterliegenden Innenraum angekommen war, stellte sie dreierlei Dinge fest:
Zunächst: Es war nur halbdunkel. Dann: Leichte Flammen, deren bläulich-gelb-weißer Flammenschein den Raum soweit erhellte, daß Luise die Konturen einer Steintreppe ins Obergeschoß dieses Gebäudeteiles zu erkennen vermochte. Und schließlich: Sie hatte einen noch gut gefüllten Holzkorb erspäht, dessen Inhalt ihr die Wärme für die Nachtstunden spenden würde. In einem Scherenstuhl mit Lehne sitzend. Karg, allein, aber besser als nichts.

Es mochte zwei, halb drei Uhr, also kaum nach Mitternacht, gewesen sein - zumindest wenn es nach Luises Körperempfindung ging; sie war eben aus dem Tiefschlaf hochgeschnellt, da sich - ganz offensichtlich - das Echo des Vogelkrächzens ins Rauminnere verlagert hatte. Wenn auch zunächst mit leise-moderater Stimme, so hatte dies eben ausgereicht, Luises ohnehin nur leicht erholsamen Schlaf für diese Nacht komplett zu beenden.
Es schien ihr, als würde der unregelmäßig-periodische Ruf des Tieres mit einem visuellen Phänomen koinzidieren: einer bläulich-grün-weißen Rauch?-Wolke, oberhalb der seit kurzem wieder sich selbst entfacht habenden Glut im Kamin des Raumes, der im fahlen Mondlicht, das direkt darauf wie auch auf ihre Lagerstatt schien, dem Raumzeit-Ensemble hier einen wahrlich gespenstischen Eindruck verlieh.
Damit noch nicht genug, setzte sich dann auch - nach bangen Minuten des (vergeblichen) Hoffens auf eine Rückkehr des unterbrochenen Schlafzustandes - ein Uhrwerk in Bewegung, das einen ebenso düsteren, nicht zum Schwingen kommen wollenden Glockenklang von sich gab.

"Wo? Bin? Ich eigentlich hier" seufzte Luise - im Wissen, sie sollte sich wohl besser jetzt gleich auf ihren weiteren Weg machen, denn sie Glutreste am Kamin sorgten kaum mehr für Wärme, sondern stattdessen für das höchst befremdliche optische Phänomen. "Bald komm' ich mir selbst vor, als wäre ich auch ein Nacht- oder Schreckgespenst hier, allerdings ein lebendiges...", so Luise halblaut zu sich selbst. "Es würde mich auch nicht wundern, sähe ich derzeit mein Spiegelbild auf reflektierenden Flächen nicht und begegnete ihm stattdessen, wenn ich jetzt hier die Treppe hinaufgehe. Aber was soll's?!"

Nach den ersten, wenigen Stufen machte die Treppe eine Wendung um 90 Grad, zu ihrer Linken konnte Luise etwas - ein "Kleidungsstück" - als solches mittels seiner Konturen identifizieren. Es schien aus Fellstücken zusammengenäht worden zu sein, und spendete ihr fortan für die nächsten Stunden für etwa 2/3 ihrer Körperaußenfläche etwas Wärme, und die permanent.
Dann ereignete sich etwas noch Seltsameres: Der bläulich-grüne Feuerschein, der eben noch die Kaminglut umkreist hatte wirkte nun leicht schräg oberhalb von Luise lokalisiert, es war so, als würde der Mond gleich einer batteriebetriebenen Lichtquelle ähnlich einer Stirnlampe aktiviert worden sein, doch hatte Luise weder das eine noch das andere "dabei". Es war ihr als leuchte etwas für sie den Weg aus, der 'Lichtschein' kam irgendwie zugleich aus ihr - und dann noch wieder nicht. Ein Umdrehen oder Aufblicken zeigte ihr lediglich, daß weder der Mond noch irgendeine Art von Laterne, Kandelaber, Stirnlampe oder dergleichen ihr den Weg ausleuchteten. War es ihr Bewußtsein? War sie (auch) außer sich? Dieses Rätsel zu lösen würde Luise ihren weiteren Weg weisen, wenngleich von Zweifeln und Sicherheit gesäumt, einen Weg zu persönlicher Selbstsicherheit und jedenfalls Wahrhaftigkeit.

Jedenfalls stand Luise nun am Anfang der Treppe, die sie durch mehrere - mehr als halbdunkle - Räume leiten sollte, bis hin zu einer Überraschung. Am scheinbaren Ende der Steintreppe befand sich, etwas zurückversetzt in der Wand, ein Sandstein-Rahmen einer mit filigranen bis protzigen Messingverzierungen ausgestalteten Holztüre. Im frisch polierten Kasettenschloß steckte ein gold- bis kupferfarbener Schlüssel, auch seinerseits recht markant, zeigte er doch an der Stelle, an der er vom menschlichen Verwender, kaum im Schlosse, sodann in Drehung versetzt, die ins Metall geritzten Konturen eines Löwenkopfes, wobei dieser - sich nun in der mondbeleuchteten, um sich greifenden äußeren und inneren Finsternis befindend - Luise selbst dennoch unmißverständlich wissen ließ: smaragdgrüne Augensteine zierten nicht nur sein 'Angesicht'.

~~~

Kapitel 11: Polymorph gesehen

Die dem Schloßkasten innewohnende Mechanik räusperte sich zwar laut, setzte sich aber dennoch willentlich in Bewegung. Vor Luise nun: eine weitere Kammer, mit quadratischem Grundriß, und eine Deckengewölbe, das gotische Züge aufwies; an seinem höchsten Punkt: ein Wappen, welches ebenso einen Löwen zeigte, bei dem sie sich jetzt nicht sicher war, ob er nun schelmisch-wissend in höhere Sphären oder aber böse-finster von oben hinab blickte, sein Blick hierbei weiter nach unten reichend als auf den Klinkerziegel-Boden, auf dem Luise gerade Halt zu finden suchte. Sein Konterfei schien zwischen zwei Polaritäten zu wechseln, je nachdem wie sehr fragend oder selbstsicher man ihn anblickte. Lag es an der okular ausgesandten mentalen Botschaft des ihn Betrachtenden? Oder wurde der Anblickende gesehen? Wenn, dann von welcher Instanz?

Um ihren Erkundungsweg fortsetzen zu können, mußte Luise sich dem beinahe polymorph beobachtenden Blick aussetzen. Während sie nun - zögernd und doch schnell – versuchte, sich unter der Löwenfratze oberhalb ihres Kopfes durchzuschwindeln, war der Löwe an der Decke nicht bereit oder gar willig, sich auf ein nicht mal kokettieren wollendes "Peek-a-boo"-Spiel einzulassen. Vermochten seine gemalten Augen nicht zu leuchten, so spürte Luise doch - stattdessen? -, wie in ihrer rechten Hand (die den Schlüssel mit dem metallenen Tierkopfe hielt) das fest umschlossene Objekt begann, stetig steigende Wärme von sich zu geben; zugleich schien es Luise, als werde sie aus Richtung des Einganges des Raumes von einer sie kältemäßig einschüchtern wollenden Luftbrise erfaßt.

Innerhalb weniger Sekunden gelang es ihr, diesem Raume zu entkommen. Dabei war ihr durchwegs behilflich, daß die Türe zum Ausgang sich federleicht öffnen ließ. Wobei: heraußen war sie noch lange nicht. Der eigentliche Fortgang, der letztlich - so hoffte Luise - mit der Auflösung der labyrinthischen Symbolrätsel verbunden, würde sich nun häufiger konkret, jedoch derweil nicht weniger kryptisch am Weg finden.

Als sie die Türe in den nächsten mittelalterlich wirkenden Gang durchschritt, prangten an den Seitenwänden schmiedeeiserne Kerzen- und Kienspanhalter in Kopfhöhe von Luise. Einige davon schienen sich in einer Art "Sparbetrieb" zu befinden, ein zart grün-blau-gelber Flammen"kreis" war zumindest in seiner kollektiven eben noch da seienden Intention präsent. Vor allem dann, schien ihr, wenn sie versuchte, ihre im Moment verdrängten - oder aber auch chaotischen - Gedankengänge zu ordnen, und darin wegweisende Teile aufzufinden.

So ward ihr Weg nun zwar nicht ausgeleuchtet, aber heller. Zunächst waren ihre Schritte nur zaghafter Natur, wenig später jedoch folgte ein Schritt dem nächsten. Wie selbstverständlich schritt sie bald voran, und während sie das tat - oder mit sich geschehen ließ - hellte es um sie herum auf. Ein langsamer Wechsel zwischen Fakelhalterungs-Stelen und Aussichtspunkten ins Freie, durch die es schien, als dränge sich ein neues Tageslicht, sanft aber stetig wachsend, hindurch. Als Luise sich plötzlich unwillkürlich nach hinten wandte, war ihr vor kurzem zurückgelegter Weg nur mehr schemenhaft erkenntlich. Sie spürte: sie war ganz im Jetzt angekommen. Allein, aber doch nicht einsam, an einem noch unge- und -erkannten Ort.
Der burgartige Gangsalon, der aufgrund der Dunkelverhältnisse zunächst unabschätzbar kurz - respektive lang - gewesen sein könnte ging nun in ein Salettl über, festlich trotz seiner schlichten Architektur, die Luise an die Schönbrunnenr Gloriette erinnerte.
Nun stand sie an, vor ihr: ein Tisch aus Stein, der eine Melange aus Granulit und Sandstein an seiner Oberfläche zu reflektieren schien, kam es doch auf seine Beleuchtung wiewohl den Betrachtungswinkel an. Vor dem Tisch: ein schlichter Holzstuhl, grob gezimmert. Das Besondere an ihm: in seine Sitzfläche war ein Herz geschnitzt. Unterhalb des Herzens war der schematisierte Löwenkopf zu erkennen, welcher ihr bereits am Schlüssel - wie auch über ihr präsent - begegnet war.

"Der Schlüssel des Herzens!" schoß es ihr ein. Wie elektrisiert stand sie da. Sie trug ihn noch mit sich, fest umklammert. Unvermittelt nahm sie am Tische Platz. Als sie sich hinsetzte, um zwischenzeitlich kurz zu rasten, geschah etwas recht Merkwürdiges. Ihr war, als manifestierte sich, als unbeirrte "Addition" zum hellen von der Seite kommenden Sonnenlicht, einer holographischen Projektion gleich, leicht oberhalb der Tischoberfläche eine hölzerne Schatulle, offensichtlich gearbeitet aus rotbraunem Ebenholz, die an ihrer Vorderseite ein Schlüsselloch zeigte. Obwohl Luise Angst hatte, bewegte sie ihre Hand in Richtung dieses Schlosses und, siehe da, die Holzkiste materialisierte sich aus dieser offensichtlich zwischenweltlichen Ebene ganz haptisch. Denn sie ließ sich sperren, öffnete sich. Und damit war auch das rote "overlay" verschwunden, das sie eben noch sehr irritiert hatte.
Im Inneren, sie hatte großes Glück, die Landkarte, welche sie im Klavierzimmer hinterlassen hatte, als weiteres 'Original'; und dazu etwas, das auf Luise wirkte, als sei es Teil einer Legende. Als sie auf die Legende blickte, die Karte eben daneben enfaltet, staunte sie nicht schlecht, war doch - als Papiergravur, wohl mit Geheimtinte als Spur hinterlassen - ein zweites Stück Land eingezeichnet. Es kam ihr vor, als wären die Konturen dieser zweiten Lokation, wo auch immer diese sich befinden mochte, Opposition wie Spiegelbild des "Festlandes", von dem sie eben auf die Insel mit der steinernen Burg gekommen war. Selbst darin war sich Luise jetzt nicht mehr sicher, nämlich ob sie sich überhaupt noch auf, in, über oder bereits jenseits der Burginsel befand, die sie ja über den langen, verschlungenen Holzsteg erreicht hatte.

~~~

Kapitel 12: Spiegelwelt

Sie mußte einen Ausgang finden. Und wollte es auch, sie hatte jetzt wieder etwas Antrieb wiedergefunden, der lange Gang hatte schließlich an seinem Ende auch ihr Selbst erreicht und bot Luise an, auch ihre Seele ein Stück weit zu erhellen, aufzumuntern in jedem Fall. Schließlich stellte Luise fest, daß es hier geradeaus defacto wirklich nicht vorwärts ging. Als sie sich nochmals umdrehte, merkte sie, daß sie wieder einen ... Weg vor sich hatte, der sie ins Freie führen sollte. Sie nahm wieder mehr wahr. Von Draußen, das sich aus dem Inneren zu entwickeln schien und zugleich in es eindrang, erreichte sie die Musik der Natur, vertraut, wie sie es von sich zu Hause kannte.
Luise schloß die Augen, eine melancholische Stimmung an frühere Zeiten und ihre gewohnte Umgebung zeigten sich nicht nur vor ihrem geistigen Auge. Denn als sie wieder ihre Innenschau verließ, erkannte sie den Weg. Sie hatte über Umwege und Untiefen ihr Zuhause bald wieder erreicht. Doch war sie nicht sicher, ob sie dorthin zurückwollte. Zu viele Erinnerungen, zu viel eben noch immer überwältigend Dagewesenes zogen sie atmosphärisch an, wiewohl es Luise angebracht schien, ihnen aus dem Wege zu gehen. Noch...

Müde, nicht glücklich, aber zufrieden und durchaus hoffnungsvoll erreichte sie ihre Hütte am Wald. Als sie ... sie erschrak, wo sie ihren Hausschlüssel deponiert hatte, oder hatte sie ihn gar verloren? Sie war verzweifelt, hämmerte gegen die Eingangstüre. Da fiel etwas klirrend auf den Boden. Es war der Schlüssel mit dem Löwenkopf, der seine glänzende Patina abgegeben hatte. Und sie - bis auf den Löwenkopf - frappant an ihren eigenen erinnerte, war er es doch, zugleich aber auch nicht. Sie selbst war sich auch ungewiß, ob sie noch dieselbe geblieben war, nach dieser langen, prüfenden Wanderung. Durch die Felsen, über die Wendeltreppe und den großen Steg über den Schloßteich.

Als sie nun die Küche betrat, kam ihr irgendetwas verändert vor. Gut, sie war sicherlich übernachtig, allerdings weniger überdreht als vielmehr müde. Schaftrunken setzte sie sich zum Jogltisch in der Stube. Es mochte etwa 7 Uhr in der Früh sein an diesem Dezembermorgen. Luise wußte gar nicht mehr, wie lange sie eigentlich unterwegs gewesen war, fort von zu Hause. Als sie so im Halbschlaf in der dämmrigen Dunkelheit dasaß, die sie eine Kerze etwas erhellen ließ, schreckte sie hoch. Ein weiteres Mal - nun schon zum dritten Mal - hatte sie ein spontanes Stell-Dich-Ein mit der metaphysis. Nicht wissend, ob nun noch wach, oder in ihrem Traumnetzwerk verstrickt, nahm sie unter den Obstresten, die sich in einer Holzschüssel nahe der Tischmitte befanden, ein weiteres Stück Papier wahr. Sie glaubte, das Stück Pappmache wiederzuerkennen, diesmal schien es sich in beiderlei Hinsicht vor ihr entfaltet zu haben. Als sie nun die (aus dem Schloß) mitgenommene Legendentafel hervorholte, schien das Eine das Andere zu ergeben. Luise schien es, sie sei nun letztlich einer Dechiffrierungschance ein großes Stück näher gekommen.

"Die Dinge sind oft nicht so, wie sie zu sein scheinen. Und vielschichtig." sinnierte sie halblaut vor sich hin, bevor sie in einen langen, erquickenden Erholungsschlaf sanft hinübersegelte. So wie die großen Blätter, des alten, knorrigen Lindenbaumes, der - als Hausbaum - von ihrem Küchenfenster im Wandel der Jahreszeiten ein Symbol von Dynamik und Halt, Verwurzelung und Bewegung darstellte wie verkörperte. Sie mochte diesen großen, weisen Begleiter, der ihr viel erzählte, trotz - oder gerade wegen: der ihm innewohnenden Essenz von Schweigsamkeit, Bedächtigkeit und Güte. So sah das jedenfalls Luise. Die ihn oft umarmte und an Scheidewegen in ihrem Leben um Rat fragte.

Im Traum begegnete sie den Stationen ihrer Reise durch mystische Anderswelten bildlich-symbolisch, es wirkte so, als seien sie visuell-ontisch wie eine gute Geschichte im wahrsten Sinne eingerahmt wie indes zugleich mit ihr, Luise, verwoben. Als ein indivuelles, über sich hinausweisend wirkendes, gutes Narrativ, relevant und "tempting" schließlich auch deshalb, weil die richtige Symbiose aus Überraschenden und in situ Vorauszugestaltendem. Insgesamt hinterließ vorallem die erste Symbol-Konstellation, also gold-durchwobene Herz, dichte, ihr Sichtfeld durchdringende energetisch-atmosphärische Spuren. Präsent, auch nachdem sie jetzt bereits aufgewacht war, fühlte sie sich - ungewohnt zwar - jedoch das erste Mal, ganz!

"Was ist denn nun wirklich?!" rätselte Luise. Sie wußte jedenfalls, zurück in eine profane, also rein materielle Realität würde sie niemals zurückkehren können - das wollte sie auch gar nicht. Ebenso ihrer durchwegs erweckenden Erfahrung der letzten Stunden, Tage und Wochen zufolge fühlte sie sich keineswegs religiös er- oder gar durch-leuchtet; im Gegenteil schien ihr seelischer Energiehaushalt so etwas wie einen individuellen Schein aus ihr herausstrahlen. Sie täuschte sich nicht, denn er war echt.

"Echt jetzt?!" seufzte Luise. "Wie mach ich jetzt weiter?" -- Gedanken hieran verursachten Kopfweh. Irgendwie wollte sie flüchten. Jedoch, wohin? Und war das Ende des Schlafes, das Erwachen aus dem Unbewußten, es tatsächlich wert, davor zu flüchten? Sie verließ die Stube und ging zum Brunnen. Sie holte etwas Wasser. Zunächst kam es weiterhin rostig aus der Pumpe heraus. Nachdem sie wohl zwei, drei Teekessel voll des nassen Goldes, das eher recht bräunlich aussah, heraufbefördert hatte, klarte des Wasser schließlich doch auf. Hektisch-dürstend, auch nach Erkenntnis, nahm sie die ersten Schlucke nach Tagen in sich auf.
Mit jedem Bißchen an Wasser klärte sich ihre Sicht, und auch ihr Kopf klarte sich auf, hatte sie doch ... eben noch geschlafen. Als sie sich, humpelnd, in das Haus zurückbegab, näherte sich ihr eine schwarze Katze.

"Miiieaauu", maunzte sie, lautlos - ihre Mimik verriet es - und unüberhörbar. Um ihre Beine scharwenzelnd, grazil, doch sicheren Trittes, umrundete das Tier Luise. Dann, bloß Momente später, krallte sich die Katze an Luises Gewand fest. "Was ist? Was möchtest Du von mir?!" versuchte sie der Katze zu antworten. Kaum wollte sie einen Schritt ins Hausinnere setzen, spürte sie, wie die kätzische Umklammerung fester, schmerzhafter wurde. "Mir ist kalt, Katze!!" - Das schien das lebende Fellknäuel wenig zu beeindrucken, war es doch gerade dabei, Luise zu einem kleinen Pfad lotsen, der - trotz des Winters - einer Schneise ins Baumdickicht glich.

Nur widerwillig ließ Luise davon ab, sich ins Haus zurückzuziehen. Sie folgte also der Katze, ihrer neuen Weggefährtin. Als sie - wohl zweihundert Meter westlich ihres Anwesens - den Waldrand durchs Gestrüpp betrat, entdeckte sie zweierlei. Einen verlassenen Bildstock - ein "Marterl" und - einen stillgelegten Hausbrunnen - über dessen Existenz sie bislang nur aus Anekdoten 'informiert' worden war.
"Und!? Was ist jetzt hier? Was willst Du mir sagen? Oder zeigen?" fauchte Luise die Kätzin an. Daraufhin versuchte die Kätzin aus dem Stand auf Luises Schulter zu springen, was ihr schließlich durch Zuhilfenahme eines halbhohen Astes auch gelang. Von dort oben sprang sie auf das Dach des Marterls und fing an, so etwas wie eine Melodie zu singmaunzen. Sie wurde dabei so laut, daß es Luise bald so vorkam, als bildeten die Felsen wie Baumkronen als allumfassende Teile des Waldes einen um sich greifenden, riesenhaften Resonanzraum; und, nein, die schwarze Katze sang nicht falsch, sondern stimmte die Tritonus-Variation von Neuem an, wie es das Wasser in der Felsenhöhle bereits vor einiger Zeit getan hatte. Und das ließ Luise erschaudern. Tageslicht. Und dennoch düster. Nicht mehr einsam, jetzt mit Begleiterin - und doch verlassen. Sie beschloß nun, auf die Katze zu hören... und schloß die Augen. Langsam, graduell, veränderte sich dann auch die Melodei. Ob die Kätzin nun Schallträger war, oder selbst Klangerzeuger, war derzeit nicht festzustellen und auch nicht bedeutsam.

~~~

Kapitel 13: Stille Wasser sind tief

Sie verfolgte die kurzen Sprünge der Katze. Auf den Boden, von dort ins Dickicht. Von Ast zu Ast bahnte sich das schwarze Tier seinen Weg. Bis es mittig am Brunnendeckel zu sitzen kam. Der Katze Maunzen wurde lauter, nachdem sie einige wenige Minuten damit pausiert hatte; sie hob einen der beiden gußeisernen Griffe mit ihrer Pfote und ihren Krallen in die Höhe, wenige Zentimeter, um ihn sogleich wieder krachend auf den Deckel fallen zu lassen. "Den kann ich doch nicht öffnen", so Luise zur Katze. Dabei hatte sie aber offensichtlich übersehen, daß der Deckel gar nicht aus Stein sondern vielmehr aus gebürstetem Holz gefertigt worden war, welches lediglich den Anschein erweckte, es bestünde aus Stein.
Sie realisierte es erst, als die Katze nun versuchte mittels geballt-getakteter Pfoten-Intervention den Deckel zu bewegen, was ihr schließlich gelang: Die eine Hälfte des kreisrunden Verschlusses löste sich aus der Verkeilungs-Verankerung. Und wäre fast auf dem Boden zerschellt, empfing sie nicht eine Bodenoberflächen-Genese mit wechselnden Schichten aus Stein, Moos, Zweigen und viel Brennesselstauden.
Luise traute sich nun doch näher an den alten, verlassenen Brunnen heran, sie warf einen ersten, zögerlichen Blick ins Brunneninnere. Nur schemenhaft konnte sie die Schachtränder in seinen Tiefen erkennen, was sie jedoch sogleich entdeckt hatte, waren Sprossen einer alten Eisenleiter. Sie war neugierig, hatte zwar etwas Angst, doch eben - neugierig wie sie war, und letztlich doch auch ein wenig "draufgängerisch" - kletterte sie ein paar wenige Stufen hinunter. Als sie merkte, daß die Eisentritte glitschig zu werden schienen: "Weitergehen?" ... "Gehen hen en en nn nn n n" ... "Oder doch lieber nicht?!" Oben, sie blickte hinauf ins Freie, die Katze, die ganz lautstark zu miauen begann. Glissandi, hinauf und hinunter.

Dann, ganz unten, ein verzerrtes, invertiertes Echo. Sie blickte hinab in die Finsternis. "Scho oo n -- sehr -- un - un - h heim mli-ich h hier." -- Dann fand Luise - den Stufen gegenüber angebunden - ein Seil vor, das in spiraligen, vernetzten Mäandern - meterweit unter ihren Füßen - sich geheimnisvollen Naß zu nähern schien. Eine Absturz-Sicherheitsvorrichtung für des Schwimmens Unkundige? Räthselhaft allemal. Luise ging die Stufen weiter hinunter. Plötzlich bermekte sie, daß ihre relative Trittsicherheit sie relativ schnell, eigentlich ziemlich plötzlich verließ. Da blieb ihr dann wenig übrig, als ... auf bzw. in das Sicherheitsnetz einzusteigen. Mochte es bei Flutung oder niedrigem Wasserstand des Brunnens ebenfalls eine polymorphe Aufgabe erfüllen?

Jedenfalls ergriff sie nun erste Teile des Netzes, gut auch, daß die Schnur-Zwischenräume groß und eng genug waren, Luises Krabbelschritte wie auch - zur Zwischenrast - ihren derzeit ja weiterhin durchwegs etwas ausgezehrten Körper auffangen und halten zu können. Je weiter sie nach unten kletternd robbte, umso moosiger roch es und dazu gesellte sich kalter Lufthauch nassen Wassers am Grunde des Brunnens. Wie Luise feststellte, war der Wasserstand extrem niedrig; erstaunlicherweise wurde es hier unten wieder etwas heller, was - und da staunte sie nicht schlecht - an den Brunnenwänden angebrachten Spiegel-Fragmenten zu verdanken war, die etwas Sonnenlicht von oben hier nach unten in die Finsternis beförderten.

Mit einem Male war Luise also am Grund angelangt; hinter ihr - sie erkannte es bereits schwach im Spiegelbilde - ein Gang, der zart beleuchtet schien.

Wirklich kleinwüchsig war sie ja nicht gewesen, Luise - auch nicht als Kind. Dennoch war sie Zeit ihres bisherigen Lebens stets nicht für voll genommen worden. Als Erstgeborene unter drei Schwestern wurde sie lange Zeit mit Sorge, dann auch mit Argwohn wie auch etwas verdrängter Bewunderung von ihrem Umfeld beäugt.

War sie zunächst jene Verkörperung elterlicherseits unrealisierter Hoffnung, noch ein viel weitergehendes Stück individueller, reflektierter, kreativer und schließlich denn auch freier zu werden, als jene, die zum physischen Auftreten ihrerselbst beitrugen. - Die Idee von Luise freilich, einem Menschen, der danach strebte, entweder ganz und gar - oder eben gar nicht - zu leben, lag wohl nicht unbedingt oder ausschließlich in der irdisch-menschlich-physischen Sphäre.

Sobald sich ein Mensch in den Augen des anderen spiegelt, passiert etwas Magisches. Liegt in einem vertrauten Blick nicht bloß ein Ebenbild, weist er doch auf ein großes Ganzes. Und zeigt, daß es weder Schicksal noch ein basen-programmierbares Universum gibt, und schon gar nicht jemanden, der am Schaltpult universeller Macht sitzt, im gleichmütig entrückten Tun, welches über Wohl und Wehe des Menschen dann doch hinweg sieht.

Weniger darüber hinweggesehen denn erkannt hatte Luises Großvater seinerzeit die kindliche Neugierde und den individuellen Wissensdurst, den seine Enkelin Luise anno dazumal gezeigt hatte; genau, ja, aus der Stille ward der Klang geboren. Irgendwie war alles in ihr als Kind so still gewesen früher - ihr Umfeld dagegen oft laut; es stellte sich ihr, manchmal in ihren Träumen, auch über die Jahre hinweg, die Frage, ob denn nun die kakophonen Mißtöne, die 'reinen' 'Harmonien' oder aber - und dieser Gedanke faszinierte sie - die musikalisch-erotischen "blue" 'notes' doch überwogen, in diesem Reich an akustischen Schwingungen, oft mehr gefühlt als gehört und - wahrscheinlich - weit mehr noch imaginiert, atmosphärisch geahnt.

"Ja, ich bin am Überschreiten der Grenze zwischen materieller physis und metaphysis, ich weiß", dachte sich Luise, gerade verloren in ihrer Innenschau. "Und die Grenze zwischen Sein und Schein, auf daß es ja nur das Sein gibt und das Haben das Sein durch Schein verstellt", das wurde mir wohl nicht in meiner Schulzeit nahegebracht, "das wußte mein Großvater". Und das ganz genau, wenn er sich sonntäglich ganz der Musik hingab.

Frei schwingen, in Zeiten und Welten - davon hatte sie im geheimen Buch gelesen. Perpetuierend ließ sie dieses Mantra nicht loß. Sie war offensichtlich durch den Brunnen in die Parallelwelt eines anderen, synchronen Auftretens ihres Selbst gelangt. Da erwachte sie plötzlich wieder aus ihrem Tagtraum, hoffte sich zu Hause am Küchentisch sitzend. Doch stattdessen befand sie sich weiterhin im Inneren, nun wieder nahe der Krone des Mammutbaumes, den sie von innen emporerklommen hatte, gleichwohl in einer Art und Weise, die eigentlich einer Miniaturisierung ihrerselbst bedurft hatte, eine Fokussierung, eine Metamorphose ihrerseits auf "sich" als geistiges Wesen, als Information austauschendes Medium, ganz so, als sei sie elektrisch-eklektisches Potential einer individuellen Seinsweise, die sich durch das zentrale Nervensystem eines großen Ganzen - im doppelten Sinne axiomatisch - fortbewegte. Blitzschnell, wie von selbst, im dunklen Raum, von Synapse zu Synapse, ihn wie von selbst erhellend.

"Wie komme ich von hier oben wirklich weiter?" -- Und dann: "Ganz hinauf, zur freien Rundumsicht scheine ich ja nicht zu gelangen." So sehr Luise auch wünschte, sich frei - gleich einem Vogel - im Äther des sichtbar Ersichtlichen und des scheinbar Verborgenen und dennoch Offensichtlichen zu bewegen, ja je fokussiert-angestrengter sie sich in Gedanken darauf kaprizierte, dies zu wollen: umso diffuser stellte sich alles um sie herum dar. Selbst die wiederholte Begrenzung ihrerselbst durch den Stamm des Baumes, seine Jahresringe als interpersonal wesentlich(sic!) extrapoliertes, selbstähnliches, hölzernes memento mori einer zweiten, festeren natürlicheren Haut "im Außen" war für sie zwar noch faßbar, aber un-er-gründ-lich. Richtete sie ihre Stimme hinauf ins "Freie", so zerstreute "sie" sich bald in den Winden, welche die Krone umwehten. Rief sie nach unten, so war der stimmliche Widerhall zwar fokussierter, aber dennoch dumpf, plätschernd, zögerlich. Diametral verschieden wie ident. Im Oben und Unten.

Da saß sie nun wieder, den Zeitstrahl entlang in ihre Kindheit gereist, auf der Veranda - dicht an ihren Großvater geschmiegt, um seinen Erzählungen aus diesem einzigartigen Buch, durchwoben von Fäden zwischen leuchtenden Elementen musikalischer Essenz, auch ikonographisch in Form der gedruckten Worte und handkolorierten Illustrationen folgen zu können.

"Ist der erste Ton mal erklungen, als initiale Aufmischung atmosphärischer Stille," stand hier. Manchmal mußte Luise förmlich unbedingt mitlesen, denn vieles verschluckte ihr Opa in seinem langen, weißgrauen Bart. Manchmal war sich Luise nicht sicher, vermischte sich (doch) sein Nuscheln mit dem Summen der Bienen als eine Art akustischer Rahmen, als ein (er)innerlicher Passepartout, der gerade - gleich einem halb-fokussierendem, visuell panoramatisch wirkendem Vorsatzglas - sich rund um Luise auftat: den Blick auf eine farbenfrohe und klingende Szenerie eröffnend, als wäre es tatsächlich erst gestern gewesen. Dieses musikalische Lese-Abenteuer. Ein Lebens-Abenteuer war die Musik für Luise freilich schon immer gewesen.

"Komm', Opa, laß uns weiterlesen", sprach Luise sanft in Richtung des neben ihr sitzenden Großvaters, der offensichtlich im kurzen Tagträumen spontan eingenickt war. "Oh, meine Liebe, jetzt bin ich offenbar kurz in ein anderes Universum eingetaucht;" entschuldigte der Angesprochene sich bei seiner Enkelin.

"Die wahren Verhältnisse offenbaren sich zwischen den Tönen, in ihren hörbaren und spürbaren Frequenzen. Und obwohl es heißt, die Musik sei Universalsprache, erschließt sich ihr wirkliches Wesen nur wenigen wahrhaftig", las Großvater weiter. Raumzeitlich und doch weit mehr denn bloß vierdimensional, das war Luise wohl schon als sie selbst noch eine virtuelle Idee im "Dimensionalitätsgeflecht vieler Möglichkeiten" gewesen war, klar.

"Wie bist Du eigentlich zur Musik gekommen. Hat sie Dich gefunden? Wie war das, erzähl'", frohlockte es aus dem neugierigen Mädchen, damals kaum 12 Jahre alt.

"Wollen wir nicht lieber hier weiterlesen?!", zögerte Opa. Doch Luise blieb hartnäckig: "Wenn ich mir genug lang Zeit nehme und einen uneinsichtigen, ruhigen Ort für mich finde, dann kann ich das Buch ja auch alleine weiterlesen", jetzt plötzlich ungeduldig.

"Na gut, weil Du's bist", lächelte Opa wissend, sanftmütig Luise zu, "-- will ich Dir's erzählen. Ich weiß jetzt gar nicht wie viel ich Deiner Mama eigentlich davon erzählt hatte. Damals..."

"Genau! Ich will's wissen. Was war da?!" -- "Es war in einer Sommernacht. Selbst war ich noch keine 7 Jahre alt. Eigentlich ist das eine meiner ältesten und einprägsamsten Erinnerungen. Der Organist war krank, und es sollte eine Messe stattfinden, anläßlich Deiner Taufe, mein Schatz." Ich war eigentlich viel zu aufgeregt und hatte Angst. Aber dann hieß es, warum spielst Du eigentlich nicht, Isidor? Ich dachte mir, warum eigentlich nicht. Zugehört hatte ich ja oft genug. Bloß, die Herausforderung war, es waren auch eine Harfenistin und eine Geigenspielerin anwesend. Beide viel älter und musikalisch erfahrener als ich. Aber da mußte - und wollte - ich durch. Vielmehr war mir in dem Moment nicht klar, außer dies; als mein Name gefallen war, stieg ich also die enge, eiserne Wendeltreppe zur Orgel empor; der Anlaß wie die Trio-Formation geboten es - und darüber bin ich auch rückblickend froh - daß ich mich entschloß, nur am Manual zu spielen, die Pedale der Orgel erreichte ich mit meinen noch kurzen Füßen von der hohen Sitzbank der Orgel aus noch nicht.

Unten wurde es ungeduldig. Der engagierte Pfarrer, mein Bruder, Dein schon verstorbener Großonkel, leitete die Zeremonie.
Als die Violonistin, unvorabgesprochen und doch klar als Konzertmeisterin bestimmt, ihren Bogen ansetzte, begann ich zu zittern. Es war das erste, und bislang eindrücklichste Mal in meinem Leben, daß ich mich so richtig vollständig präsent und doch entrückt, jedenfalls wirkmächtig fühlte. "Ich", der kleine Bub, an diesem riesenhaften, vertraut-unbekannten Instrument.

Fast meinte ich, den Beginn vermasselt zu haben, zeigte sich vor mir ein leeres(!) Notenpult. "Jetzt komm' schon, sei kein Angsthase, dies sind doch die Kirchenmauserl, die sich vor den Katern aus der Umgebung fürchten." Du kennst das Stück doch. Und Du kannst nach Gehör spielen, hatte mir der kurzfristig erkrankte Organist schon zu Beginn meines regelmäßigen, treuen Zuhörens Mut gemacht. Also blieb mir, zu hören und hinzufühlen, wo mein instrumentales Zuspiel interessante kontrapunktische oder unterstreichende Akzente setzen konnte. Ferngesteuert wie ich war, gelang es mir zu meinem Erstaunen (und erst recht dem der Zuhörer) wirklich. Es wurde noch eine sehr schöne Feier!", schloß Großvater für's Erste mit seiner Erzählung.

~~~

Kapitel 14: Botschaft zwischen den Zeilen

Luises Opa war wieder am Wegdriften. Diesmal nutzte Luise aber die Chance, um sich dem Bücherregal, diesem heiligen Schrein zuzuwenden. Irgendwie hat sie eine Vermutung, eine Ahnung. Und sie wurde tatsächlich fündig. Leicht zerknittert, ganz heimlich zwischen zwei Buchrücken plaziert, fand sie einen Brief, geschrieben mit dazumals offensichtlich königsblau gewesener Tinte. Als sie die Zeilen las, fühlte es sich an, als manifestiere sich um sie herum eine Atmosphäre, dichter werdend, wohlig einhüllend, eine Mischung aus Erstaunen und Rührung. Sie mußte lachen.

Das hätte sie nicht gedacht. Der mit "Dein heimlicher Mentor Isidor" unterfertigte Brief war kein langatmiger Stammbuchspruch. Ganz im Gegenteil. Eher ein metamorpher Wegweiser durch die metaphysis des Klanguniversums, umschrieb er doch einen Klanggarten. In einer Art und Weise, die Luise in Staunen versetzte. Eine Weile stand sie nur mit offenem Mund da. Es dauerte etwas, bis sie sich traute, das beidseitig beschriebene, einmal gefaltete Blatt Papier wieder in sein Versteck zurückzustellen.

Sie verspürte ein Zittern in ihren Händen, ein Kribbeln ihrer Finger. Ihr war, als korrelierte ihre innere Unrast mit wechselnden musikalischen Tempi, begleitet von einer perlenden Klangtraube aus Orgel-Geigen-Harfenklängen, gerade so als setzten Erinnerungssequenzen, interpersonale Séancen an, sich ins Bewußtsein von Luise hineinreklamieren zu wollen. Luise vernahm förmlich die Situation der Festivität, mehr als sie diese sah oder auch hörte. Sicher war sie nur, daß sie jetzt wohl mehr über als außer sich war und die Gegenwart und die Vergangenheit sich synchronisierend ineinander übergingen. Da merkte sie, daß Zeit de facto in realiter bloß ein menschliches, gedankliches Hilfskonstrukt war. Und nicht zuletzt deshalb sie "immer" allerorts präsent sein konnte. Möglicherweise.

Beängstigend und faszinierend zugleich waren dieses nebelig-fokussierten, schemenhaft-photographischen Impressionen aus diesen vergangenen Tagen für Luise, die sie damals am Weg zu einer gerade heranwachsenden jungen Frau war. Ihre Hauptbegleiter: Bücher und Musik. Am liebsten (und öftesten) las sie an einem schattigen Platz im Garten, manchmal am Südhang des Waldeshains, dann auch wieder am Fluß. Luise liebte abenteuerliche, farbenfrohe Geschichten; waren diese aber zu konkret sprachlich ausgemalt, ließ Luises Bedürfnis, das jeweilige Buch zumindest bis zum Kapitelende nicht mehr aus der Hand zu geben, schon nach den ersten, wenigen paar Seiten wieder nach. Doch ihre Neugierde, ihr Wissensdurst versiegte deshalb nie; im Gegenteil, suchte sie doch Parallelen, Konnotationen, Widersprüche, topische Reminiszenzen.

Je weiter sie - in kleinen Schritten - sich - sehr oft unbemerkt unmerklich - dem Mysterium des Seins zu nähern glaubte, umso mehr genoß sie den Reiz des Haptisch-Transzendenten, der wohl nur von zweierlei Repräsentanten wirklich glaubwürdig ausgehen konnte: Literatur und Musik. Oftmals Zeichenträger als Naturmaterialien als Medien verwendend, waren diese selbst wiederum Medien.
Luise erinnerte sich weiter: Am liebsten war sie als kleines Kind, sie mochte vielleicht vier, fünf Jahre gewesen sein, unter dem alten Klavier, einem Flügel, der im Haus ihres
Opas das bestimmende architektonische Element im Wohnzimmer gewesen war. Mit einem Buch und einer kleinen Kerze, während ihr Großvater improvisierte. -- Als Luise fünf war, hatte dieses Instrument wohl schon mehr als 120 Jahre verschiedenste Plätze "gesehen", Stimmungen erhellt und solche aber schon länger nicht mehr erhalten, entsonn sich Luise. Sie spürte an ihren Fingern das zarte Relief der Elfenbeintasten, manche schon zum Teil abgesplittert und durch Tabakrauch vergilbt. Der Klangkorpus, einst voluminös, in seiner Umrahmung nun brüchig geworden über die Jahrzehnte; dagegen die Hammermechanik: präzise wie am ersten Tag. Luise schätzte das Antwortverhalten des Klaviers, auch wenn manche Tonintervalle sich schon lange nicht mehr sicher waren, sollten sie nun ein Viertelton - oder doch eine Sekund sein?

~~~

Kapitel 15: Der Musikpavillon

Wie auch immer: Luise erinnerte sich weiter. Sobald der Winter dem Frühling Platz machte, verlagerte sich alsbald alles nach Licht Dürstende zunächst in die große Holzveranda, dann etwa ab Mitte April schließlich vor's Haus, wo dann Kaffee (oder auch Wein, vornehmlich rot und vollmundig) getrunken wurde. Luise mochte noch bis kurz vor ihrem 16. Lebensjahr so etwas wie eine Großfamilien-Atmosphäre kennenlernen. An Onkeln und Tanten, Cousinen und Cousins zahlreich war der Familienkreis, der sich üblicherweise in umfassender Konstellation vierteljährlich hier zu treffen pflegte, zu quartalsweisen, saisonalen Festen.
Waren es im Winter die Eiskristalle an den Fenstern des Hauses und der Keksduft nach Zimt und Nelken, so begrüßte einen der Frühling hier mit lauen Brisen, die das schnell in die Höhe wachsende, dichte, olivgrüne Gras durchwoben.
Eines Frühlingstags beschloß die fidele Runde
nach einem kleinen Begrüßungsaperitif am Morgen, das schöne Wetter zu einer vormittäglichen Wanderung zu nutzen, im Gepäck diverse tragbare Instrumente, um den astronomischen Frühlingsbeginn in kleinem, aber feinem Rahmen zu feiern.

Noch stand die Sonne tief, und gleich einem Morgenglanze wurde der fröhlichen Wandergesellschaft der Weg durch die hochgewachsenen Blumenwiesen und noch taufrischen Felder orangerotgelb vorausgeleuchtet. Der Zielort der Damen und Herren, Buben und Mädchen: ein Holzpavillon, leicht erhöht auf einem kristallinen Felsen, der leicht zu begehen war, aber hoch genug, um eine schöne Rundumsicht in die Landschaft der Umgebung zu erhalten; südostwärts lag von dort das Dorf, der Weiler, von dem sie gut zwei Stunden Fußmarsch zum Pavillon zurücklegten. Das letzte Konzert hier hatte, Luises Erinnerung nach, schon fünf Jahre zurückgelegen. Voller Aufregung verhaspelte sie sich mehrmals, während sie schnellen Schrittes durch das nur wenige Dutzend Zentimeter breit daniederliegende Gras schritt, mal gleitend, dann wieder hüpfend, ganz energiegeladen-fasziniert von dem Ereignis, das da bald stattfinden würde.

An Instrumenten hatte die Wanderschar geschultert: ein Fagott, eine Geige, eine Klarinette, eine Oboe, eine Gitarre und eine Mundharmonika. Luise hatte auch ein Instrument mitgenommen: ihre Blockflöte, mittlerweile spielte sie seit geraumer Zeit eine Altflöte, die ihr - durch den weitläufigen Freundeskreis ihres Großvaters - von einem Flötenbauer aus eigenem Zwetschkenbaumholz angefertigt worden war, ihrem Wunsch gemäß, als Luise zwölf Jahre gewesen war.

Nun, da die Früh bereits mitten in den Vormittag übergegangen war, erreichte die Wanderschar ihr Ziel. Zu ihrem Erstaunen fand Luise, die den letzten Teil des Weges über eine alternative Route ergangen hatte, an einem Stein am Wegesrand ein hölzernes Etui, das zweierlei Dinge enthielt: einen Geigenbogen, dessen Borsten an der Spitze den Umriß einer Scheibe aus einer Halbkugel beschrieben. Ein Notenblatt, das offensichtlich schon etliche Jahrzehnte, wenn nicht schon Ende des neunzehnten Jahrhunderts angefertigt worden war. Es war betitelt mit "Tanz der ---" und wies eben einen großen Riß auf, so daß auf die Vervollständigung des Musikstücktitels hin wohl nur geraten werden konnte.

"Hey, Luise!" rief Großvater freudig seiner Enkelin zu. "Woher kommst Du denn jetzt auf einmal her?" Luise darauf: "Ich hab den verschlungenen Weg gewählt. Die geraden Pfade sind doch fad. Die kenn ich ja eh und ich wollte ein klein wenig für mich sein, bevor das Musizieren losgeht." -- "Außerdem habe ich etwas Interessantes gefunden." "Was denn?!" sah sie der Großvater langmütig, mit strahlenden Augen an.
"Jetzt richtet Euch
erstmal zum Spielen ein", so Luise knapp verheißungsvoll.
Nun plazierten die Angesprochenen sich aufgefädelt nebeneinander, jeder von den Musikern hatte einen Sitzplatz an einer Kante des Achtecks eingenommen, das in der Horizontalen den Klangraum umfänglich definierte. Als zweiter Mittler in der Folge das Geschehen von Drinnen nach Draußen und - eben im Falle des Oktogons - auch das Außen nach Innen jedenfalls visuell resonierend. Über Luise, die natürlich auch mitspielte, hing ein Strauß getrockneter Rosen: weiß, gemischt mit gelb, wobei die gelben Blüten einen
starken Teint ins orangerot Purpurne aufwiesen.
Am Plafond: ein Windspiel in Form zweier ineinander vers
chränkter Lyren: Die Oboistin begann, alternierend mit Luise, mit dem Spiel.

~~~

Kapitel 16: Der klingende Hauch der Bäume

Sachte, sanft war der Ton; leise, zunächst noch schüchtern, transparent; dann satt und farbig, vielleicht grün (und noch jung) war der Ton, der sich zu einem Klang ausweitete, raumsuchend. Die musikalische Introduktion, die sich den Raum erschwang, machte auf Luise einen bewegenden, klaren Höreindruck. Die Dame am Doppelrohrblatt war damit beschäftigt, zart, zunächst arpeggiohaft, dann durchwegs klangsolide einen Raum im Raum zu schaffen, einen Mikrokosmos musikalischer Abstraktion zwar auf das leichte Lauschen; - bei bewußtem Hören jedoch erwies sich dieser als nichts Geringeres als ein musikalisches Abbild, gewissermaßen als eine Blaupause, als eine minutiöse akustische Auslotung und Vermessung des nicht Ermeßlichen, in variablen Metren, Intervallen und überraschenden Klangphänomenen, ganz aus der Stille kommend.

Wenn es ... wollte. Und ja, es wollte. Nach einigen Takten des Solospiels der Oboistin, war nun Luise an der Reihe, gleich einem Kanon - die Spielart erinnerte zugegebener Maßen etwas an Werke eines Johann Sebastian Bach - sich abwechselnd an die Melodie der Oboistin mit Abstand anzunähern, mal in Terzen und Quinten, dann auch wieder in Quarten. Nun setzte auch die Geige an, fast so, als wolle sie noch eine Oktave tiefer als die Oboe diesen kleinen Klangkosmos des Pavillon-Konzertes frequenzspektral wie atmosphärisch erweitern. Manchmal verkörperte er sich als ein konsonanter Beginn einer musikalischen Erzählung, dann wieder ging die eine oder andere der zunächst drei Stimmen auch wieder in Opposition und suchte Kontrapunkte, nicht um zu streiten im Sinne eines musikalischen Wettbewerbs. Viel eher als melodiöse Spiegelschrift der unplanbaren vorausgeahnten Überraschung. Kontrast und Ergänzung, Komplettierung und Erweiterung zugleich.

"Der Baum im Holz, das Individuum in der Seele." Merkwürdig mutete es schon an, das Begleitgedicht zum Lied. Weshalb wurden hier Widersprüche vertont? Wie ging das überhaupt alles von statten? Luise grübelte, fast verlor sie den motivischen Anschluß; - sie sollte eher wieder in die Teiltrance bewußt zurückgehen, sonst, dämmerte ihr, könne ein musikalischer Mißklang entstehen. Und davor fürchtete sie sich. Ihr war, als müßte sie von einem Moment auf den anderen ihre Flöte extrem kontrolliert festhalten, ihr wurde an diesem warmen und entspannten Tag plötzlich kalt und sie begann - innerlich leicht fröstelnd - zu zittern. Der Großvater - in der Mitte des Pavillons, der Musik lauschend, sitzend, stand leise, wortlos auf - flüstere Luise ins Ohr: "Wenn es Dir zu viel wird, mein Mädchen, dann mach bitte Pause! Was hast Du gesehen?!"

Luise, zitternd flüsternd: "Im Baum drüben?" Der Großvater: "Was?" Luise: "Am Baum. Da saß etwas und beobachtete uns beim Spiel." - "Du träumst doch? Oder?" - Zaghaft-getrieben wollte Luise sofort - während des Musikstückes, das folgte - in dem sie 'bloß' Zuhörerin war - aufspringen und aus der ganzen Situation flüchten. Schnurstracks nach Hause, in die wohlige, geschützte Atmosphäre der großväterlichen Wohnküche. Sie brauchte einerseits Raum für sich, aber zugleich auch einen Rückzugsort, der ganz privat war, nur für sie allein. Der schmale Platz zwischen Küchenofen und dem kleinen Holzfenster mit Blick nach draußen auf ein paar Rosensträucher, hatte ihr schon oft den atmosphärischen Schutz geboten, den sie während ihres Heranwachsens anderorts nur selten erfahren konnte.

Großvater sah es Luises Blick an. "Meine Liebe!", begann er, "Bleib doch noch hier, unser Musizieren dauert ja nicht endlos lang, nur einige Minuten und wir haben ja eine gute Wegzehrung und auch etwas Limonade mitgenommen. Du mußt nicht puren Gänsewein trinken, Luise." - Luise wirkte noch immer verstört, abwesend, wenn auch wohl nur für sie selbst in voller Wucht - und ihren Opa in Ansätzen ihrer Mimik - erkennbar.

Luise zwang sich also, ruhig sitzen zu bleiben. Obwohl auch ihr Musikspiel auf erfreute Ohren der Zuhörer und Mitmusiker stieß, war ihr eigener Eindruck freilich ein diametral anderer. Sie kam sich außergewöhnlich statisch vor - und das jedesmal, wenn sie an der Reihe war, ob sie ein Solo, ein Duett oder einen melodischen Kontrapunkt markierte. Er fühlte sich gläsern zerbrechlich an, der Schallanteil, der von ihrer Seite der Gemeinschaftsdarbietung geboten wurde. Mehr Tonkontur als Klang, und schon gar nicht frei schwingend.
Sie hätte so gerne, energiegeladen und zurückgehalten wie sie war, ein niederschwellig-aufrüttelndes Element beigetragen, doch der Anblick, die Vermutung dieses beobachtenden Wesens im Baume, damit konnte sie nicht umgehen, es einmal erblickt.

Aquamarinblau blitzte es plötzlich in Luises Augenwinkel. Sie war gerade dabei - noch immer aufgewühlt - die Noten in ihrer aus festem, hellen Leinen gewebte Tasche zu verstauen, als ... Sie drehte sich weiter zur Seite. Und ein Schreckstaunen stand ihr ins Gesicht geschrieben. "Seht Ihr sie auch?!", Luise fragend an die Runde. "Wen, Luise?" fragte sie ihre Schwester. Da realisierte Luise: Nur sie war in der Lage, die schwarze Katze zu sehen.

~~~

Kapitel 17: Vier-Uhr-Tee mit Musik

"Puh! Geschafft!" Luise war sehr froh, nach diesem aufregenden musikalischen Ausflug wieder zuhause bei Onkel und Tante angelangt zu sein. Dieses häusliche Umfeld hier war für sie berechenbarer - es wirkte zumindest sicherer. Es duftete gut. Nach? Ach ja, Lasagne - in vegetarischer und deftiger Ausführung - befand sich in zwei ob der Hitze semi-transparent gewordenen Glasbehältnissen. Luise, immer schon ein Feinschmeckerkind gewesen, bekam Hunger. "Mein Schatz, Luischen, !!"
"Ich bin kein Zwergerl mehr", Luise leicht verächtlich, halblaut. "Holst Du bitte noch etwas Basilikum von vor dem Haus?" - "Gern, Tantchen, soll ich gleich noch was mitbringen?!" - "Wonach Dir der Gusto steht, ich vertrau da ganz auf Dich, Luisc|" - der Blick ihrer Nichte schnitt Annemarie, so hieß Luises Tante, das Wort ab. Mit funkelnden, dunklen Augen verließ Luise freudig dann das Haus nach draußen, stand doch schon in Gedanken ein köstliches Essen bildlich-olfaktorisch vor ihr.

Ein wenig später: "Was darf ich Dir denn kredenzen, magst Du heute mehr Gemüsiges, oder doch Fleisch?" - "Gibst mir mal das Nicht-Vegetarische, und dann schau ma weiter", Luise nun recht keck. Nach der freundlichen Frage des Onkels nun Tante Annemarie: "Was magst denn trinken, Luiser.. LuisE natürlich!!" - "Ich glaub jetzt tut's mal der Gänsewein. Etwas Limo vielleicht später, zum Kuchen dann", dabei einen fröhlichen, verschmitzten Grinser auf ihrem Gesicht.
"So, denn -- Mahlzeit allseits!" Und die bunte, noch überschaubare Gesellschaft begann zu speisen, während draußen, graduell, fast unmerklich - zunächst - sich ein Frühlingsgewitter zusammenbraute. Luise war die Erste, die es entdeckte, hatte sich doch die von Süden kommende Sonne hinter einer dunkelblaugrauen, mächtigen Wolkenformation versteckt - direkt gegenüber Luises Sitzplatz mit Blick südseitig in den Garten.

Nach dem Mittagstisch verlagerte sich die Familien-Verwandtschaftsgesellschaft in Kleingrüppchen an hohe, mit mosaikgemusterteten runden Platten versehene Tischchen im Garten, jeder davon im Schatten der Krone eines Obstbaumes plaziert. Das Sommergewitter schien noch davor zurückschrecken, zu früh etwas von sich preiszugeben. Es würde dann später, pünktlich zum Vier-Uhr-Tee mit perkussiver Unterstützung für die notwendige Aufklarung sorgen.

Verträumt, oder eher: entrückt stand Luise an einen Tisch gelehnt, dieser eher weiter zurückversetzt, nur halb-einsichtig, und das auch nur aus dem richtigen Winkel. Und wartete... Plötzlich frischte der Wind auf. Gerade waren noch Sekt, Sekt-Orange und auch für die anwesenden Kinder - von denen Luise das mit Abstand älteste war, sich auch deshalb separiert erlebte - Limonade ausgeschenkt worden. Gemächlich, wie die Plätzchen zuvor eingenommen worden waren, wurden sie jetzt stürmisch verlassen; nicht wenige Sektgläser landeten dabei im schon tröpfelnd-angewehten, nassen Gras.

Luise bildete den Abschluß der ins Trockene, ins Innere laufenden Gästeschar. Als die Gäste ihre bereits etwas durchnäßten Jacken und Schuhe ausgezogen hatten, wurde der mächtige offene Wohnzimmerkamin angezündet, kühlte es doch draußen bereits merklich ab. So konnte die Phasenverschiebung zwischen Draußen und Drinnen am besagten Nachmittag noch wohlig abgefedert werden, eingehüllt in Klangmosaike des Ensembles, das sich aus den Gästen des Tages zusammensetzte, die ja bereits vorhin im Pavillon gemeinsam musiziert hatten.

"Bevor Ihr hier wieder spielt, laßt uns doch etwas Tee trinken!" erhob Onkel Ferdinand das Wort. "Es steht für Euch Schwarztee oder Grüner Jasmintee bereit." - "Ja, bitte, bedient Euch", so Tante Annemarie. Luise fragte zunächst ihren Sitznachbarn, einen etwa fünf Jahre jüngeren Buben, ob er wisse, was es Süßes zu essen gebe. Der Bub schüttelte daraufhin den Kopf und begann, mit etwas Früchtetee zu spielen, der in seine Porzellantasse mit Vogelmotiv gegossen worden war. Anstatt umzurühren, und das entsetzlich umfangreiche, sich schon aufweichende Gemisch aus Kandiszucker und viel zu hellem, überzuckerten Honig zumindest zu versuchen, mit etwas Fruchgehalt im noch heißen Wasser zu durchmischen, spielte der Bub also - lautstark klimpernd - mit dem Löffel, ihn nicht nur perkussiv sondern ebenfalls als Wurfgeschoß gebrauchend, so lange vorbereitend herausfordernd, bis dieser - unbeabsichtigt - in einem mittelhohen Bogen durch die Luft flog und durch die Teekanne reflektiert auf dem hölzernen Fensterbrett ihm gegenüber landete, zuvor schräg "fliegend", eben dorthin katapultiert. Zeitgleich mit der Landung des Silberlöffels entfuhr der Wolkenformation, Luise schien es, sie sei figural unverändert geblieben - sehr wohl aber weit dünkler als vorhin, ein mächtiger, weißgelber Blitz, auf den nach wenigen Augenblicken bereits ein Donner folgte. Dieser, so wirkte es weiters, erfuhr dann noch auf kleiner Ebene als Schallecho in den und durch die Körper der Musikinstrumente weitere Resonanz, ganz so, als pflanze sich der visuelle Ausschlag in akustischer Weise fort, mächtig, dann leiser werdend, aber heftig nachvibrierend. Auch das Geschirr am Tisch rüttelte.

"Was ist das jetzt hier. Was soll das alles?!" Onkel Ferdinand war nun merklich aufgebracht. "Ich hatte mich eigentlich auf einen ruhigen Nachmittag mit Euch gefreut. Einen frühlingshaften", ergänzte er. "So wird das nix", murmelte die Tante, ihm beipflichtend. Als nun zur Beruhigung und Stimmungshebung zwei, drei der Musiker sich zuraunten, eine konzertante Fortsetzung als musikalische Verarbeitung des aufgetretenen Tumults könnte den aufgetretenen atmosphärischen Stimmungsknoten möglicherweise lösen, waren alle dafür, sobald sich der Plan im Kreis von Ohr zu Ohr herumgesprochen hatte. Kaum wollte auch Luise sich erheben, da maunzte die Katze, regennaß. Draußen vor dem Fenster saß sie. Und maunzte lautlos.

Luise versuchte, nicht zusammenzuzucken, oder zumindest ihren Blick nicht fahl vor Schreck ihren Mitmusikern zuzuwenden. Sie beschloß, einen entrückten, verträumten Blick aufzusetzen, was ihr nur teilglaubwürdig gelang. Sie konnte (und wollte) sich auch niemals verstellen.

"Mozart! Laßt uns doch Mozart spielen", insistierte Luise - weniger mit Worten als mit ihrem Blick und ihrer Hand -, die sich auf dem am Steinsims abstützte, bevor sie neben dem Kamin, der gerade knisternd wohlige Wärme versprühte, Platz nahm. Eigentlich hatten wir Prokoview geplant, und ..." - "Bitte nicht den Arnold Schönberg. Nicht jetzt", bat sie. Seine Musik ist zwar interessant, aber wenig elegisch, find ich." - "Brauchst grad was zur Beruhigung? Ein Gegenmittel zum Unwetter draußen?" - Luise antwortete nicht, sondern hatte hingegen Mozart-Notenheftlein ausgeteilt. "Du möchtest also jetzt Mozart-Lieder spielen?" konnte Luises Onkel gar nicht erst in Worte fassen, da Luise bereits mit den ersten Takten angesetzt hatte. Zart mäandernd, ganz im Gegensatz zum Sturm im Freien, konnte diese Musik durch Zartheit und Verspieltheit befreien, erheben.
Während also Takte um Takte erklungen, schien es Luise, die parallel zu Melodieverlauf stets auch das Regenrauschen mitverfolgte, als machte der Regen draußen staccatoartig Pausen, nach getragenen Passagen, vom und ins unmerkliche Diminuendo übergehend. Transzendent, ja, das mochte vielleicht am ehesten greifbar machen, was Luise empfand, wenn sie sich in die und mit der Musik einließ. Eine lebenslange Beziehung mit einer treuen Gefährtin, mal über stille Wasser gleitend, dann wieder in aufbrausender Reflexion, in scheinbarem Widerspruch.

Da, plötzlich, aus dem piano kommend plötzlich Kadenzen, crescendo, dann fortissimo. Luise erhob wie mit einem Male den Blick, so das Finale des letzten ausgewählten Liedes erreicht war, die Katze jedoch, apathisch-durchdringend schauend, maunzte schon wieder, ohne einen einzigen Ton von sich zu geben. Sie saß am Fensterbrett draußen, wohl ebenso umfassend durchnäßt wie gespenstisch. Doch trotz ihres Schreckens beschloß Luise, nachdem sie ihre Flöte etwas unsanft sicher beiseite gelegt hatte, der Katze im Freien Gesellschaft zu leisten.
Zunächst wollte Luise das Haus einfach so, nur mit Schuhen, verlassen. Als sie jedoch die Eingangstüre öffnete, blies ihr der Wind einen Regenschwall ins Gesicht, fein die Wasserstrahlen, aber unangenehm bitterkalt. Doch die Katze hatte das Schlüsselumdrehen im Schloß realisiert; vermutlich hatte sie schon aus Vorahnung das Fensterbrett verlassen, und war bereits zum Hauseingang gelangt, während Luise noch die Schuhe wechselte.

 

Teil II

Kapitel 18: Deja-vu in der Spiegelwelt

Als Luise der Katze so gegenüberstand und sich die Blicke beider trafen, begann die Katze mit einem maunzenden Glissando. Ihre nassen Pfoten hinaufgestreckt schmiegte, nein klammerte sich die Katze an Luise. Krallen an Hosenbein, fast an Haut. Dann: ein deutliches "Miau", gefolgt von einem Tropfen-Hinausschleudern aus ihrem Fell.

"Du willst also hinein ins Haus?" - welch rhetorische Frage, dachte sich wohl die Kätzin. "Hier können wir aber nicht ins Haus hinein." -- Die Katze lief nun doch, dem Regen wieder ausgesetzt, eine halbe Runde ums Haus. Der Hintereingang führte zunächst zu einem Holzlagerraum, dann - über einige Sandsteinstufen - in einen im Winter unbeheizten Flur.

Geheimnisvoll-knisternd dann, ganz am Gangende, der alte Lehmofen, der über einige recht verwobene Wasser- und Luftschächte für eine behagliche Grundtemperierung des Hauses sorgte. -- "Katzerl, schau', daß Deine Pfoterl hier mal trocknen können. Hier auf dem Mauervorsprung, da ist sicher ein guter Ort, an dem Du schnell wieder trocken werden kannst." Und schon saß die Katze oberhalb von Luise, die ebenso am Ofen Platz genommen hatte.

Irgendetwas kam Luise mit einem Mal sehr merkwürdig vor, sie konnte es jedoch noch nicht in Worte fassen. Die Türe zur Stube des Hauses... seit wann war die Schnalle auf der verkehrten Seite? Die innere Türblattseite außen, "alles" schien verdreht, als Luise die Türe jedoch öffnete, stieß sie einen spitzen Schrei aus, begegnete sie doch: einem Spiegelbild ihrerselbst.

Selbstreflexion im spiegelverkehrten Türstock. Kehrtwende? Oder Richtungswechsel nach vorne?
Jedenfalls stand Luise nun erstarrt, nachdem der erste Schrecken aus ihren Gesicht wieder gewichen war, vor sich selbst. So hatte es den Anschein, aber sie merkte: sie war nun ganz plötzlich - wieder - auf sich alleine gestellt. Im Haus waren keine Gäste mehr zu finden. Bloß die Tische mit den Servietten, dem Besteck, den Nachtisch-Tellern. Obst und Kuchen standen unberührt da, das Feuer loderte im Zimmerkamin. Doch es war niemand zu finden.

Als der heftige Regenguß nach einigen Minuten wieder nachgelassen hatte, betrat Luise den Garten, diesmal von der anderen Hausseite. Doch auch hier das gleiche Bild. Menschen waren keine zu sehen. Nur Luise und ihre Katze schienen vor Ort zu sein. Natur in Pflanzenblüten und Vogellauten. Entmenschelt, und seltsamerweise auf ungewohnte Art gespenstisch durch die plötzliche atmosphärische Aufklarung, ja Transparenz. Damit hatte Luise ab jetzt umzugehen. Taghell klar und zugleich eine mystische Allegorie. Schien es doch (und es schien nicht nur), als nähme die Flora (und sicht- wie hörbar auch die Fauna) wieder den Platz ein, der ihr von den Menschen viel zu oft entwendet worden war, zweckentfremdet.

Auf einem der Stehtische fand sich ein Zettel, der durch das Unwetter schon stark verknittert worden war, aber noch nicht zu Boden gefallen war. Auf ihm stand etwas, offensichtlich in einer Mischung aus lateinischer und Kurrent-Handschrift. Luise begann zu entziffern, mühsam wie dies war, selbst in der noch hellen, gelblich-rötlichen Nachmittagssonne. "Seltsam", murmelte sie, und der Satz bzw. dieses Wörterfragment schien sich gedanklich in ihr mehrmals wiederholen zu wollen, "was wollte mich hier offensichtlich mein Onkel - ja, die Initialen! - wissen lassen?!"

"MUSIK bewirkt, wozu sie _Dein_ GEIST formt" stand da, zittrig, schnell, fast übertrieben schlampig notiert. Aber das - und nur das - war zu lesen. Nebst den Initialen ihres Onkels. Das klang nun irgendwie doch etwas bedrohlich.

Luise war perplex, diese Botschaft, obwohl auch positiv - denkmöglich jedenfalls - bewirkte, daß sie sehr zügig wieder das Haus betrat und sich mit der Katze am Arm in ein geheimes, kleines Kämmerchen neben dem Stiegenaufgang zurückzog; etwas Licht trat durch das gefaßte kleine Bleiglasfenster in ihr Versteck, in dem sie nun doch einige sehr lange Minuten zu verweilen gedachte, denn ihre spontane Entdeckung machte sie etwas ratlos - und das menschenleere Haus, das eben noch stark bevölkert gewesen war, ihr doch gehörige Angst. Die sie zu verdrängen suchte.

Im Kämmerchen: ein kleines Holzpult, wie aus einer alten Dorfschule, aber in fast schon miniaturistischer Anfertigung, ein gewebter Leinenpolster, aus dem es recht frisch nach Lavendel duftete, und ein Kerzenständer, sogar mit Kerze und Zündern nebstbei. Als Luise nun das Schwefelhölzchen anzündete - und mit ihm die Kerze -, kam ein weiterer Satz zum Vorschein, als eine Art eingraviertes Wasserzeichen. Ein Nebensatz. Der noch rätselhafter war als der direkt "ersichtliche". Aber offensichtlich zumindest ebenso essentiell.

"Such NIEMALS die Coda, sonst LANDEST _Du_ in der Reprise." Noch seltsamer, aber irgendwie beschlich Luise das Gefühl, daß ihr Onkel sehr genau wußte, wovon und was er hier als Chiffre. --- Die Katze begann auf einmal sehr unruhig zu werden und fuhr, noch auf Luise sitzend, ihre Krallen aus. Ihre Pupillen reflektierten im Licht der Kerze beinah dämonisch, unterstrichen durch ihr pechschwarzes Pelzkleid.

Nun krallte sie sich fest, die Katze. An Luise. Und dem Zettel.
"Das Versteck verlassen?", überlegte Luise. Lieber wäre es ihr gewesen, aber die Katze verhielt sich so seltsam. Also versuchte sie, noch eine Weile zuzuwarten. Die nächsten Minuten kamen ihr wie Stunden vor. Luise wußte, es würde draußen demnächst dunkel werden und die Kerze würde wohl auch nicht ewig brennen. Aus dem Flur, der innersten äußeren Schichte, die sie nun umgab, vernahm Luise die meiste Zeit zwar nichts; hörten sie und ihre Katze aber ein Knarren - oder es machte sich ein Luftzug durch leichtes Scheppern der Außentüre bemerkbar; dies verlängerte stetig den Aufenthalt im schmalen Kämmerchen, in das sich die beiden zurückgezogen hatten.

Rückzug? Nein: vorwärts! "Gespiegelt, ja gespiegelt. Ist die Katze kein Mephisto, so hat sie mir jetzt doch sehr geholfen." Sie dachte weiter: Wenn auf die Nacht der Tag folgt, dann auf das "Nein" ein "Ja". "Ich hab's!" triumphierte sie, still, aber mit einem Lächeln, als sie im Halbdunkel - kurz nachdem die Sonne im Freien untergegangen war - aus ihrem Versteck wieder auf den Flur hinauskroch. Ein dringender Appell, der keinen Aufschub duldet: "Finde immer den Anfang, dann erhebt sich Dein Selbst zu Neuem!" -- Sie war über ihren Fund und die Selbsterkenntnis überrascht! Deshalb wohl auch das Wasserzeichen, daß sich durch das Kerzenlicht invertiert hatte. "Und die Spiegelung?" -- Sie dachte nach. "Als Zeichen der Antwort, die in mir selbst liegt", huschte ihr zart, fast unhörbar über die Lippen.

Zögernd, unentschieden, setzte sie sich doch wieder an den Tisch, an dem ja zuvor noch die illustre Gesellschaft gesessen war. Dann, sie hatte sich kaum niedergelassen, ein Schlag der Pendeluhr. Als sie nun einen Blick in Richtung der Klangquelle tat, wurde ein Schattenwurf der Zeit sichtbar. Gleich dem Mädchen mit dem Perlenohrring kam sie sich zugleich der Zeit enthoben und in ihr gefangen vor; sie realisierte mit einem Male, daß Vergangenheit und Zukunft bislang weitestgehend einzig ihr Dasein leitend präsent gewesen waren, und das über Jahre, von ihre Kindheit, bis in ihrer Jugend und ihre beginnende Adoleszenz hinein. Das Potential des Augenblicks wahrzunehmen: das schaffte sie offensichtlich erst in dieser für sie noch unwirklich seienden, aber realen Absolutheit. Ihres Auf-sich-gestellt-Seins. "Wo ist eigentlich die Katze?!" fragte sie sich. -- Und dann kam sie ins Tun. Ungeplant.

"Ins Tun kommen. Ja, das ist's." Sie zögerte. Wußte sie zugleich, das sie jetzt. Weitergehen mußte. Wohin immer der Weg durch die Spiegelwelt in ein anderes Sein hinaus sie geleiten möge. Ob die Spiegelwelt ein raumzeitliches Tor darstellte?

Luise ging nun, sachte, aber Schritt für Schritt, zunächst durch die Dunkelheit im Flur, dann ins Freie hinaus. Aus dem Zimmer. Auf den Flur. Kurz hielt sie vor der Haustür, dem Haupteingang inne. Dann schritt sie - ihr war seit langem wieder etwas mulmig zu Mute - in die Finsternis. Genauer: sie erging sich die Dunkelheit. Denn Finsternis ist etwas Anderes. Denn wo etwas ist, gibt es für das Nichts auch keinen Nicht-Raum, keine Un-Zeit. Und doch sah sie am Anfang wenig, wohingegen ihre akustische Wahrnehmung ihr erstaunlich differenziert bei der Rundumsicht, nein, Durchsicht half.

Sie blickte nicht auf tiefes Schwarz, nein, eher hindurch. Die Tiefe, womöglich Unbegrenztheit dieses Dunkels wurde aufgehellt durch violette Wellen, nicht unähnlich ins sichtbare Spektrum gerückter, wohl semi-physischer Ätherwellen. Meist in Dunkelviolett gehalten, war der Strahlenkranz - der keiner war, oder nicht sein wollte - mittig ins Altrosa gehend, nein, schwebend, wallend, stetig sanft wie zugleich raumexpansiv. "Also wieder augemented reality, ganz ohne Computer", mußte sie fast einen Augenblick lang trotz aller Unsicherheiten schmunzeln.

Dann - unmittelbar folgend, unvermittelt - blickte sie durch ein für sie in - und doch außerhalb von ihr - befindliches, stereoskopisch in ihrem Gesichtsfeld erscheinendes dritten Auge durchwegs in Sphären der metaphysis (als Quelle sich manifestierender Ideen). Sie wußte, sie werde künftig mehr sehen, als man meinte gemeinhin üblich zu erkennen (oder auch erkennen zu können). - War Luises Geist wissenschaftlich-rational basiert, zweifelte sie niemals an der letztlich unerklärlichen Essenz, dieser natürlich-mystischen, planvoll und doch letztlich un-berechenbaren Seite allen Daseins.

Und so standen sie da. Luise und die Katze. Angesicht zu Angesicht. "Das Alte funktioniert nicht mehr" - "Mau mau miiiaauu, miau mau miau". Die Antwort. Als meinte die Kätzin: "Und das Neue ist noch nicht da". Doch was nun? Wie würde die Spiegelwelt aussehen, von Luise und ihr betreten. Begleitete die Katze sie überhaupt in diese reflektierte Seinsweise? Oder wie auch immer jene anders sein mochte.

"Ins Tun kommen", murmelte sie. "Miiaauuuuuuuu Miau Meow", die Katze darauf. Und in sich vermochte Luise nun auszunehmen, als hätte die Katze gesagt: "Du mußt nichts tun, um ins Tun zu kommen. Geh einfach weiter! Jetzt!"

"Na wenn Du meinst!" Luise war ratlos. Was sollte sie hier noch? Ins Haus zurückgehen?! - Menschenleer wie es war. "Mit dem oder durch das oder in dem, was ich da vor oder in mir sehe?! Ist das Dein Ernst, Katzi???!!!" -- "Aber umgekehrt, was bleibt mir schon anderes übrig. Wenigstens habe ich Dich als meine Begleiterin. (Das dachte sie ganz still wie deutlich bei sich.)

Um sich Dunkelheit, von Katze und Äther begleitet, nicht ganz trittsicher, aber überzeugt, sie müsse jetzt weitergehen, war Luise. Der Weg vom Haus war zunächst noch gepflastert, dann kam bald eine kurze Kiespassage, gefolgt von einem moos- und farngesäumten (konnte sie gerade erkennen) Forstweg. -- Dann, wenig später, war ihr, als begänne sie zu schweben. Eins mit dem Dunkel, ununterscheidbar verwoben ergingen sie sich? die Nacht.

Während Luise nun durch die Dunkelheit ging, die sich durchdringen ließ, aber auch fokussiert ergangen werden wollte, nicht sicher, welcher Weg sich ihr nun Schritt für Schritt erschloß, stand sie noch immer vor dem blassen Spiegelbild - oder glaubte es. Sie war jedoch wieder, ehe sie sich's versah, am Eingang ihres Hauses am Waldrand gelandet. Zu ihrem Erstaunen war ein sanftes Licht aus der Stube wahrnehmbar. Die Eingangstür zögerte zunächst etwas, doch nun war sie eingetreten und staunte nochmals. Der Küchenofen schien frisch eingeheizt.

Kapitel 19: Gegenwärtig

Kaum drehte sie sich um, erblickte sie einen Gast, der an ihrem Tisch saß. In die Lektüre eines Buches vertieft, einen Humpen Glühwein (oder Tee mit Rum, jedenfalls mit Zimt) in der Hand, war er zunächst sehr auf die Lektüre eines zerfledderten Buches konzentriert, das...

"Jetzt hast mich aber erschreckt, Luise!" -- "Friedrich, Du? -- Ja wirklich?!" Die Stirne runzelnd begann er zu lächeln. "Wie hast Du mich gefunden??!! Aber jetzt mal, sag, wie lange ist das jetzt her?" -- Er brach sein Schweigen und frohlockte: "Ich schätze mal so 8 Jahre? Oder sind's doch schon 10? Oder 12?" Sie stand von der Bank auf und nahm neben ihm Platz. "So hören und sehen wir uns besser. Kannst Du Dich noch erinnern?" -- "Natürlich doch, was glaubst Du denn!" sprach Friedrich. Sie, Luise, legte dabei sanft die Hand um seinen Rücken. "Sag, was liest Du da", wollte sie anscheinend wissen, immer noch erstaunt, neben sich ob seiner plötzlichen Wiederkehr. Mit ihm hatte sie nicht gerechnet. "Woher hast Du??! Wie...??!!" entfuhr es ihr. Er legte beschwichtigend seine Hand auf die ihre. Ja, vor ihnen beiden lag Großvaters Buch zum Geheimnis der Musik.

"Ich war bei ihm." Ernst blickte er in Luises Augen. "Was bedeutet das? Was heißt das?! Du warst bei ihm???" Ja, ich habe ihn getroffen, erst letzte Woche. "Das geht doch gar nicht" widersprach ihm Luise ungläubig. "Er ist doch verschwunden. Verschollen!" -- "Ja, das sagen sie. Aber ich weiß es besser. Ich hatte mit ihm ja Kontakt." entgegnete Friedrich Luise.

"Sag, Friedrich, was heißt das jetzt, Du hast ihn getroffen?" - "Ich war bei der alten Kapelle am Park. Und da saß er auf einer Bank." - "Und, weiter?!" Friedrich zögerte. --

"Dann geschah etwas Seltsames. Als ich neben ihm Platz nahm, sprach er mich an, er kenne mich." Luise darauf: "Ich verstehe nicht ganz". "Na jedenfalls," so Friedrich weiter, "als ich ihn anblickte, glaubte ich, ihn wiederzuerkennen. Aber irgendwie schien es mir nur so, denn aus einem anderen Winkel betrachtet, schienen seine Gesichtszüge mir so gar nicht vertraut." --

Luise, stirnrunzelnd: "Ach, etwa so wie in einem Museum der Illusionen". "Ja, fast. Nur war diese Begegnung echt. -- Genau so, wie sein Konterfei etwas feierlich-distant Holographisches an sich. Der Mensch, das Wesen, daß da in einen dunklen Filzmantel gekleidet mit Gamsbarthut neben mir saß, wirkte bloß teilmaterialisiert, nein, sagen wir, flüchtig."

Wieder in Gedanken gewesen. Stand sie nun da. Inmitten der Finsternis. Doch war es um sie finster, oder gestattete Luise ihre Wahrnehmung lediglich nicht, durch die raumgreifende Undurchsichtigkeit zu blicken? War das der Grund für ihren durch das Dunkel verstellten Blick?
Da, plötzlich, ein leicht kratzender Ton, als führe jemand mit unsichtbarem Werkzeug den Rand eines metallenen Beckens entlang. Dann, zeitsynchron mit diesem Geräusch erschien, wellenförmig dunkelhellblau strahlend, eine visuelle Extension der zuvor nicht klar verortbaren Klangquelle.

Dann, ehe sie sich's versah, war sie wieder beim Pavillon gelandet, seinerzeit Ort zum Musizieren als Raststation für Wanderer, ein andermal Spiegelkabinett einer Zeitgleiche zwischen Luise zu differenten "Reifegraden". Nun offensichtlich von Menschenhand geschaffenes Portal zu drei möglichen weiteren Pfaden: "Vielleicht sollte ich nun, da ich mutig bin, mal eine Zeit lang weiter den Weg des Daseis gehen?" Und so stand vor ihr, die sie sich entscheiden wollte, konnte sie doch nicht weiter hier in der Dunkelheit Wurzeln schlagen, erneut ihr Spiegelbild. Der Rahmen hatte, betrachtete man ihn aus unterschiedlichen Perspektiven, wechselnd andeutungsweise eine rote, gelbe und blaue Farbe. Gut: Rubinrot war der Notenschlüssel, gelb-golden das Herz, aber blau? Dann wußte sie es. Aus ihr heraus, nein außerhalb von und doch in ihr begann es zu leuchten. Genau: "Blau-violett für das Licht. Das ich in mir habe und aussende. Recht zart, wiewohl fokussiert hell."

In diesem Moment verschwand das verglibt-verzerrte Spiegelbild ihrerseits, ja die ganze Spiegelfläche transformierte sich selbst in ein Portal, das Luise nun durchschritt. Und wieder war sie: in der Stube ihrer Hütte gelandet. Doch nun lag etwas Ungewöhnliches, wiederum Fragmentarisches auf ihrem Jogl-Tisch.

Luise hatte Glück, war das Artefakt, das sie vorfand, vielteilig aber jedoch ganz. Ein Ganzes aus vielen Teilen. Ein gläserner Krug, in dessen bauchigem Reservoir sich, so schien es, ein duftender Jungwein befand, umkränzt mit Holunderblüten. In der Mitte der Wasseroberfläche schwamm eine Scheibe einer Citrusfrucht. Luise runzelte die Stirn. Sie vermeinte etwas wiederzuerkennen, doch sicher war sie sich dieser Sache nicht. Der Krug, der Trinkbecher und die Sonnenstrahlenbündelung durch die Fensterscheibe der Stube gewährte eine visuelle Triangulation. In der Mitte dieses Licht-Positionierungsspiels: Das Kartenfragment, das Ferdinand am Tisch zurückgelassen hatte, auf ihm wurde ein Bereich fokussiert: auf ihm ein Vermerk, ein Symbol, eine Symbolik? Luise runzelte die Stirn. Sie vermeinte etwas wiederzuerkennen, doch sicher war sie sich dieser Sache nicht.

Ferdinand! Wo war er? Sie könnte seine Hilfe jetzt gut gebrauchen. Schließlich ging es um das Dechiffrieren des Buches und des Planes. Doch wo war er? Das Buch hatte er ihr doch eigentlich am Tisch gelassen, doch suchte sie es veregblich. Dann hatte sie einen Geistesblitz. Sie zog die Tischlade auf und tatsächlich: hier war es. An den Ecken des Ledereinbandes etwas zerschlissen, am Deckblatt zwar vergilbt und stockfleckig. Doch die weiteren Seiten klar in der Typographie, als wäre des Werk grad frisch gedruckt worden.

Sie war aufgeregt, fast zu aufgeregt, im Buch zu blättern. Als sie den Einband umfaßte, begann ihr Herz höher zu schlagen und ihre Wahrnehmung schien entrückt. Selten jedoch fühlte sie sich so selbstsicher abgeklärt wie in diesem Moment. "Wo war ich eigentlich damals stehen geblieben?" fragte sie sich. "Ach ja, genau!" Da stand - in kolorierten Lettern: "Frei schwingen kann nur, wer |" Es klopfte an der Tür. Luise erschrak, faßte aber sogleich wieder Mut und öffnete. Vor ihr stand Friedrich. Er hatte einen schelmischen Blick aufgesetzt. Schelmisch-neugierig. Seine Wißbegierde schien kindlich unverbraucht, wie am ersten Tag. Er nahm Luise in den Arm: "Na, Luise, lösen wir das Rätsel gemeinsam?! Magst?" Ein breites Lächeln huschte über ihr Gesicht. "Ja, Friedrich, ich mag. Und wie!" Nach langer Zeit fühlte sich Luise, überrumpelt zwar, aber so richtig glücklich.

"Sag, was war jetzt eigentlich mit ihm, mit Opa? Du hast ihn ja getroffen, bei der Kapelle. Was hat er da zu Dir gesagt?" -- Darauf Ferdinand: "Hauptsächlich hat er mich eigentlich angeblickt, oder, wie soll ich sagen, es war mehr so, daß er durch mich hindurchgeschaut hat." -- Da, sie erinnerte sich, das Buch geschlossen vor ihnen liegend: "| wer Halt hat und auch Raum" dachte sie während er es synchron in den Raum hauchte. Jetzt habe ich Raum und kann mir den Raum auch nehmen, wenn Du mich begleitest", schmeichelte Luise Friedrich. Er schwieg jedoch und lächelte erneut.

Weiter ein Weg durch die Finsternis? Unsicher, unentschieden zu leben?
Nein, das hatte sie die vergangenen Jahre durchlebt, das schien ihr keinesfalls mehr erstrebenswert. Ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, das war Luise freilich nicht in die Wiege gelegt worden, das mußte sie sich mühsam erarbeiten. Ihre vergangene Zeit mit Friedrich, der nun wieder, so wirkte es, an ihre Seite zurückgekehrt war, kam ihr so weit entfernt vor, als hätten sie sich nicht vor acht Jahren das letzte Mal gesehen gehabt, vielmehr hatte sie das Gefühl, sie war ihm weniger in diesem Leben, nein, in dieser Bewußtheit, in dieser Seinsstufe, in der sie sich nun befand, begegnet.

"Bin ich eigentlich mit 40 dann erwachsen?" fragte sie sich. Drauf Friedrich: "Na, meine Liebe, wieso denn dieses Stirnrunzeln?" -- "Ach." -- "Was, ach?! Jetzt sind wir da und schauen gemeinsam, wie wir mal das papierne Rätsel gemeinsam lösen. Meinst nicht, daß das ein guter Plan ist?" -- Darauf Luise: "Na ja, Dein Plan ist es jedenfalls!" Und ihre Gesichtszüge wurden entspannter, ihr Blick erneut mild, als sie in seine Augen blickte, die den Glanz einer unbeschwerten, wertfreien kindlichen Neugierde versprühten. "Es ist schön, mit Dir zu sein", nahm sie seine Hand.

"Wie machen wir jetzt weiter?" drängte er. Luise zu ihm, flüsternd: "Du hast sicher schon einen gedanklichen Wegweiser durch das Buch. So wie ich Dich kenne, mein Freund, hast Du sicher schon einen ganz eigenen Hypertext(t)raum kreiert, so kreativ wie Du bist;" schmeichelte sie ihm. "Komm, lesen wir weiter, während wir uns auf den Weg machen. Wir müssen in uns UND im Raum suchen, damit wir finden, was da so vieldeutig konnotiert ist, oder eben auch nicht ausgeschrieben steht."

Luise zu Friedrich: "Und, wo sollen wir fortsetzen? Vielleicht im Schloß auf der Insel?" -- "Ja, ich denke, da liegen wir goldrichtig, schließlich geht es ja darum, das Geheimnis des Lebens mit der Liebe für, durch und in der Musik zu erkunden. Ob wir es dann letztlich lösen können, das liegt wohl nicht an uns, das können wir uns gar nicht anmaßen, da sie ja die schöpferische Essenz allen ist." Für einen Augenblick distanzierte sich Luise etwas von Friedrich, ein bißchen unheimlich schien diese zweifelsfreie Sicherheit, mit der er dies aussprach und verkörperte.

Beide verließen das Haus, ihre Hände und Finger ineinander verschränkt. Da, was war das?! Von unten, hier den Berg über die sanfte Anhöhe hinauf, erklang - gerade über die Grenze des Hörbaren - in der Stille, ruhig, ein Ton. "Also so, wie das freitägliche 15-Uhr-Läuten der Kapelle hört sich das aber jetzt nicht an;" blickte Luise ihrem Gefährten Friedrich direkt in die Augen, bestimmt, nicht fordernd, jedoch wissenwollend. "Das steht doch im Buch, Luise, meine Liebe", so Friedrich plötzlich unerwartet lapidar. "Jetzt sei doch nicht so unromantisch", fiel ihm Luise in die Stille, die kaum durchbrochen worden war. "Gehen wir mal weiter, ich glaube, wir müssen vor Ort recherchieren, lokal das Ganze wahrnehmen. "Na wenn Du meinst", darauf Luise. Und so gingen sie weiter, gemächlich, gepaarten Schrittes, den sanften Hang Richtung Dorf.

Kapitel 20: Die Empore mit der Ansichtskarte

Luise wurde ganz still. Leise-knarrend und doch ganz leicht öffneten sie die Türe zur Kapelle. In ihrer Grundstruktur romanisch geblieben war ihr einziger etwas neuzeitlicher Schmuck die Empore, auf der sich die Orgel befand. Luise hatte ein kurzes Deja-vu. Sie erinnerte sich an Kindertage, an denen sie der Meßfeier stets andächtig beigewohnt hatte, wohlwissend, daß die Predigt des Geistlichen wohl weniger Geistreiches enthielt, im diametralen Verhältnis zum Gehalt der Musik, in ihrer Sanftheit und ihrer bloßen Präsenz Luise aus allem enthebend und gleichzeitig erdend. Das war es auch, was Luise die Existenz der Schöpfung versicherte, über jeden Zweifel erhaben. Am Ende der Zeremonien, die je nach Anlaß im Jahreskreise sich unterschiedlich intensiv in die Länge zu ziehen vermochten, verließ Luise das Gotteshaus, das für sie viel eher ein Tempel zu Ehren der Musik war, immer mit einem vollen Herzen, einer gerührten Seele und einem inspirierten Geist. Die Begeisterung sprühte förmlich aus ihren Augen und sie war da auch nicht um ein Lächeln verlegen, jene unbeschwerte Freude, die sie auch fühlte, seit sich ihre Wege mit jenen Friedrichs nach so langer Zeit des Wartens wieder gekreuzt hatten. An einem einzigen Tag.

"Sag mal, Friedrich, magst nicht was auf der Orgel spielen?" -- Er zögerte. Dann, auf einmal, "Ja, warum nicht. Er ließ sich auf der etwas verstaubten Sitzbank nieder und --" Luise, zu ihm: "Was ist?!" -- "Siehst Du's nicht?" -- "Was?" -- "Hier, da steckt doch was!" Bevor er also zu spielen begann, zog er an einem unter dem Manual eingeklemmten vergilbten Stück Papier, das sich als Schwarzweiß-Photo, eine Ansichtskarte, wohl um 1910, herausstellte. Das Photo schon etwas vergilbt, zeigte es - noch erkennbar - den Weiler mit der Kapelle. Doch das auf der Rückseite handschriftlich Vermerkte schien offensichtlich interessanter, kryptischer, verwirrender. Denn als Luise Friedrich bat, ihr das Dokument auszuhändigen, schien er kurz wie eingefroren durch den Lauf der Zeit, der sich zwischen die Ansichtskarte und ihn als gegenwärtigen Betrachter mittels seiner Gedanken gesponnen haben mochte.